Von Phelienern, Espern und anderen Völkern 

 

 

 

Die Nacht war so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte, geschweige denn den Weg erkennen, der zweifelsfrei vorhanden sein und aus dem Wald herausführen musste. So aber blieb Talin nichts anderes übrig, als weiter stolpernd und fluchend zwischen den Bäumen umherzuirren; sorgte die Bewegung doch wenigstens dafür, dass sie bei der Kälte nicht jämmerlich erfror. Verzweifelt suchte sie mit den Augen den Himmel nach irgendeinem Zeichen der Dämmerung ab. Jedoch noch immer zeigte der blasse Mond seine hämische Sichel, die sie bereits seit Stunden von oben belächelte, ohne jedoch Licht für den Weg zu geben. Wenigstens war das Knurren der Esper verstummt, die Talin ein Stück des Weges begleitet hatten; offensichtlich in der Hoffnung, dass sie endlich des Wanderns müde sich niederlegen und so zur leichten Beute werden würde. Wieder stolperte sie über eine der vielen Wurzeln, wieder verfing sich der Mantel im dichten Gehölz und ein weiterer Riss gesellte sich zu den unzähligen anderen. „Folge deinem Gefühl“, murmelte sie vor sich hin. Thesis, der ihr diesen Ratschlag gegeben hatte, saß vermutlich gerade jetzt mit seiner Pfeife gemütlich vor dem heimischen Kamin und wärmte die Füße am Feuer.

Wenn es so einfach wäre, hätte er doch selbst gehen können. Aber nein, ich werde geschickt… Etwas raschelte im Unterholz, erneut hörte sie das Knurren eines Espers, diesmal ganz nah. Sie fühlte die Angst in sich hochsteigen, kalte Schauer krochen über ihren Rücken. Sie bückte sich und ertastete einen Stein, den sie in Richtung des Knurrens schleuderte, das daraufhin in ein Jaulen überging. "Heute Nacht bekommst du mich nicht, such dir gefälligst ein anderes Opfer", schrie sie in die Dunkelheit hinaus und ergänzte in Gedanken "falls es außer dir und mir noch irgendein anderes lebendes Wesen in diesem endlosen Wald gibt".

Zur gleichen Zeit saß Thesis hingegen keineswegs gemütlich am Kamin. Vielmehr rannte er aufgeregt und Beschwörungen murmelnd in der Werkstatt umher, suchte aus den hintersten Ecken Pulver und Flüssigkeiten zusammen, um den Schicksal auf seine Weise eine andere Wendung zu geben.
Sturm heulte um das Haus, laut prasselte der Regen auf die Schindeln des Daches. Aber Thesis war so versunken in seinen Beschwörungen, dass er all dies nicht wahrnahm. Und so überhörte er auch das Kratzen und Scharren der Esper, die sich langsam aber stetig einen Weg unter der Tür hindurch bahnten. Als schließlich der erste es schaffte, sich unter der Schwelle hindurchzuzwängen, war es für Thesis bereits zu spät, um ein Schwert zu seiner Rettung zu ergreifen. Der Kampf dauerte nur einen kurzen Augenblick. Zurück blieb ein warmer Zauber, den Thesis gerade noch rechtzeitig in die Richtung ausstieß, in der er Talin vermutete.

Talin erreichte endlich den Rand des Waldes. Die kurzfristige Erleichterung wich jedoch bald der Verzweiflung, als sie feststelle, dass statt des unwegsamen von Wurzeln durchzogenen Waldbodens nun sumpfiges Moorland folgte. Wenigstens war hier die Dunkelheit weniger undurchdringlich. Außerdem hoffte sie, dass wenigstens die Esper ihr hier nicht mehr folgen würden; war ihr Versteck doch der Wald, wohingegen sie das offene Gelände nach Möglichkeit mieden. Vorsichtig ertastete sie ihren Weg, immer darauf vorbereitet, beim nächsten Schritt einzusinken und vom Sumpf verschlungen zu werden.

Endlich entdecke sie in der Ferne ein Licht, flackernd, wie von einem offenen Feuer ausgehend. Der Gedanke an Wärme und vielleicht einen Becher heißen Ssatock, das Nationalgetränk der Pheliener, ließ sie schneller und somit unvorsichtiger voranschreiten. So kam es, dass sie bereits nach wenigen eiligen Schritten bis zu den Hüften im Moor versank. Gerade noch rechzeitig erfasste ihre Hand eine Wurzel, mit deren Hilfe sie sich aus dem Schlamm zu befreien vermochte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als einen weiten Bogen um diese tiefe Stelle des Sumpfes zu schlagen, verlor dabei aber das Licht aus den Augen und konnte es auch nach langem Suchen nicht wieder finden. Der warme Zauber Thesis, der hier in dem Licht Gestalt angenommen hatte, verblasste nach einiger Zeit, ohne Talin je erreicht zu haben. Talin konnte somit niemals erfahren, dass seine letzten Wünsche nur sie begleiteten.

Der Boden gewann zusehends an Festigkeit und endlich entschied sich der Horizont, doch noch einen Streifen von Licht preis zu geben. Mit neuem Mut schulterte Talin ihre Bürde und schritt nun - bei wieder gewonnenem Sehvermögen - schneller aus. Auf dem Rücken trug sie ein roh zusammen gezimmertes Holzgestell. Auf diesem ruhte eine hölzerne Truhe, ebenfalls roh zusammen gezimmert. So war diese eher unscheinbar, verglichen mit dem unermesslichen Wert, den sie in sich barg. Talin selbst wusste nicht, welch eine Bürde sie mit sich trug; nur die Eindringlichkeit, mit der Thesis sie auf den Weg geschickt hatte, vermittelte ihr ein Gefühl für die Wichtigkeit ihrer Mission. "Du trägst den Anbeginn unseres Volkes bei dir" hatte er immer und immer wieder erklärt. "Nur von dir allein hängt es ab, ob jemals wieder ein Pheliener zum Herrscher der Wantung erklärt wird. Wenn aber dein Weg sich verliert, werden wir untergehen und bald auf immer vergessen sein".

Die Wantung sind das Volk des Waldes, vereinigen unter der Herrschaft der Pheliener die verschiedensten Rasen in sich. Bisher war das Zusammenleben friedlich und von klaren Regeln gestaltet.
Die Macht der Pheliener beruht allein auf der Tatsache, dass sie als einziges Waldvolk die Zauberkunst beherrschen. Im Umgang mit Waffen sind sie eher ungeschickt. Ihre Rasse ist unscheinbar in der Erscheinung, von mittlerem Wuchs und meist mit ebenmäßigen Gesichtszügen. Einzig auffällig ist die Blaufärbung ihrer Haare; je dunkler der Blauton, desto größer ist die Zaubermacht des betreffenden. Auch die anderen Waldvölker sind friedliche Zeitgenossen. Da sind die Golliener, von gnomenhafter Gestalt, deren Tagwerk von Späßen und Streichen bestimmt wird. Ihre Gesichter wirken ein wenig verknautscht, mit knolligen roten Nasen, grün glänzenden Augen, weißen wuscheligen Kopfhaaren und Bärten. Um Mund und Augen herum sammeln sich unzählige Lachfalten. Treffen zwei Golliener aufeinander, so hecken sie alsbald plappernd und lachend geschäftig irgendeinen Schabernack aus. Ihre Späße sind aber harmloser Natur, wohl im Einzelfall dazu angetan, anderen auf die Nerven zu fallen, nie aber ernsthaften Schaden anrichtend.
Dann leben im Walt doch die Samten, das Volk der Dichter und Sänger. Die Samten sind zierliche Wesen, nur etwa so groß wie die Hand eines Phelieners. Sie tragen lange goldfarbene Locken, haben bildschöne Gesichter und leben in den Wipfeln der Bäume. Meist beschäftigen sich die Samten damit, den Aufgang der sonne durch immer neue Gesänge zu loben. Doch sind sie auch die Geschichtsschreiber des Waldes. Alle Geschehnisse kleiden sie in Fabeln und Sagen und erhalten so der Nachwelt wichtige wie auch bedeutungslose Erinnerungen.
Die Taipan schließlich sind die Jäger des Waldes. Ihr ganzes Aussehen, die schwarzen, meist kurz gehaltenen glatten Haare, die scharf geschnittenen Gesichtszüge und der sehnige Körperbau, sowie die lederne Kleidung lassen auf Kraft und Ausdauer schließen. Als Waffe bevorzugen sie den Bogen. Die Kunst des Bogenmachens ist bei diesem Volk sehr hoch angesehen; Führer ist immer der Meister der Bogenmacher. Aber auch im Umgang mit einem Schwert sind die Taipan die besten des Waldes. Jedoch - wie eingangs bereits erwähnt - sind die Wantung ein friedliches Volk und zu den Schwertkämpfen gab es, bis auf die wenigen Wettkämpfe, die in rein freundschaftlichen Absichten abgehalten wurden, bisher kaum Anlass. Bisher...

Aber dann fielen die Esper in das Land der Wantung ein. Die Esper sind wolfsähnliche, aber sehr intelligente Wesen. Ihr Hauptcharakterzug ist die Grausamkeit. Sie töten nicht um des Hungers Willen, sondern nur um des blutrünstigen Vergnügens.

Keiner wusste so richtig, woher die Esper eigentlich stammten. Einige behaupteten, sie kämen aus der nordischen Tiefebene, dem Land des ewigen Schnees. Andere aber meinten, sie stammten geradewegs aus den Sümpfen jenseits der Waldgrenze. Genaues aber konnte keiner sagen, denn die Wantung leben sehr zurückgezogen. Sie verlassen niemals ihren Wald und von den Dingen jenseits der Waldgrenze wissen sie nur aus den Berichten der wenigen Durchreisenden. Von den Espern selbst war nichts zu erfahren. Mordeten sie doch jeden, noch bevor irgendeine Frage gestellt werden konnte. Eines Tages jedenfalls waren die Esper einfach da. Ein Samter war es, der als erster von ihrem Erscheinen berichtete. Zusammen mit einigen Freunden hatte er, um der Mittagshitze zu entgehen, Schutz am Boden einer Waldlichtung gesucht. Stillvergnügt genossen sie den Schatten, nutzen die Ruhe, um zu lesen oder neue Melodien zu erfinden und ahnten nichts Böses. Plötzlich ertönte ein wildes Knurren und Lexus, der mit seiner Schreibtafel ein wenig abseits on den anderen an einem Sommergedicht arbeitete, konnte gerade noch einen Schmerzenschrei, gemischt mit dem Ausdruck der Überraschung ausstoßen, ehe er von einem schwarzen zottigen Schatten in die Dunkelheit des Unterholztes gerissen wurde. Zwei weitere Samter wurden gleich darauf ebenfalls Opfer. Noch gefangen in der Starre des Schreckens, die der Vorfall bei allen verursacht hatte, fiel ein weiterer Schatten in die friedliche Mitte. Da aber endlich brach die Erstarrung und die Samter begannen eine wilde Flucht in die Wipfel. Diese jedoch sollte kaum einem gelingen. Lediglich Baffi rettete sich, indem er sich flink in ein Spechtloch verkroch. Von dort aber musste er machtlos mit ansehen, wie eine Horde Esper in die Waldlichtung einfiel und ein Freund nach dem anderen auf grässliche Weise zerrissen wurde. Fast zwei Tage verbrachte Baffi in seinem Versteck, bis er endlich genügend Mut aufbrachte, sich wieder hervorzuwagen. Sodann aber lief und sprang er mit der den Samten eigenen Geschicklichkeit in hoher Geschwindigkeit durch die Baumwipfel. Sein Ziel war die Behausung Osis, des ältesten. Niemand konnte mehr sagen, wie alt Osis wirklich war; sogar in den Kindheitserinnerungen der Großväter war Osis bereits der älteste aller Samten.

An dieser Stelle sei allerdings erwähnt, dass ein Samter nicht in der Art der Menschen altert. Das Alter geht weder mit Gebrechlichkeit noch mit geistigem Verfall einher. Nicht einmal die blonden Locken ergrauen mit den Jahren. Vielmehr ist es so, dass ein Samter sein Leben lang auf der Höhe seiner körperlichen Fähigkeiten bleibt. Dann aber, wenn er eines Tages merkt, dass alle in ihm schlummernden Gedichte geschrieben und jede in ihm schwingende Note erklungen sind, scheint sein Erscheinungsbild langsam zu verblassen. So leer er sich selber fühlt, so durchscheinender wird auch seine Gestalt für die anderen - bis er dann eines Tages ganz verschwunden ist. Kein Samter würde jemals dieses Verschwinden eines anderen Samters betrauern. Ist es doch so eingerichtet, dass niemand vor seiner Zeit verschwindet. Es ist gewiss, dass ein jeder Samter sein Lebenswerk erfüllt hat, wenn die Zeit der Blässe kommt.
Osis aber schien niemals zu verstummen, so lange er nun auch schon gelebt hatte. Immer neue Melodien erklangen in seinem Innersten und immer neue Gedichte entströmten seiner Schreibfeder. Und da die Samten die Geschichtsschreiber des Waldes sind, gab es keine Begebenheit, von der Osis nicht zu berichten wusste. Ein jeder Samter verließ sich in schwierigen Situationen auf Osis Rat, wusste er doch anhand alter Geschichten auf's beste, neuere Vorfälle zu deuten. So wird es verständlich, dass Baffi in seiner Verzweiflung ganz selbstverständlich zu Osis floh.

Osis Heimat befand sich in der Krone einer alten Ketare. Er liebte das satte Dunkelgrün ihrer großen Blätter, die Mächtigkeit des breiten hoch aufragenden Stammes, der unerwartet sich oben in anmutig grazilen und weit ausladenden Verästelungen verlor. Osis Behausung war ganz oben in diese Verästelungen hineingebaut. Es war sein größtes Vergnügen, auf seinem Vorbau sitzend den Sonnenschein zu besingen. Doch fand man ihn an eben dieser Stelle auch manche Nacht, sinnend mit der Schreibfeder in der Hand, den Sternenhimmel betrachtend.

Auch als Baffi atemlos eintraf befand Osis sich an eben dieser Stelle. Er erschrak als er in Baffis schreckensbleiches Angesicht sah, erschrak noch mehr ob des grausamen Berichtes. Jedoch, nachdem er alles angehört hatte, traf er ohne zu zögern seine Vorbereitungen. Baffi selbst wurde in seinem Hause unter der Obhut eines engen Vertrauten untergebracht. Beiden wurde strenges Stillschweigen auferlegt. Lediglich ein Befehl, auf keinen Fall die Wipfel bis zu seiner Rückkehr zu verlassen, sollte an alle Samter ergehen. Alles andere aber sollte vorerst verschwiegen werden, um eine allzu große Panik zu verhindern. Sodann machte Osis sich auf den Weg zu Thesis, um sich mit diesem zu beraten.

Als Osis mit seiner Erzählung zu Ende war, saßen sich die beiden Führer lange Zeit sinnend gegenüber. Dann aber ergriff Osis erneut das Wort: "Einst erzählte mir mein Großvater die Geschichte der Wantung. Vor ungezählten Zeitäonen lebten die Völker des Waldes im Streit. Eines Tages aber fiel eine weitere Macht in den Wald ein: Zottige schwarze Wesen des Bösen, die ohne Unterschied mordeten, wo immer sie die Gelegenheit hatten. Meine Rasse der Samten hatte keine Möglichkeit zur Verteidigung. Waren sie doch zu schwach und zu kampfesungeschickt. Sie begannen dereinst ihr Leben in den Baumwipfeln, da dorthin die Schwarzen nicht zu folgen vermochten. Den Taipan gelang es mit ihren Bögen, den einen oder anderen Feind zu erlegen. Sie mussten jedoch in den eigenen Reihen größte Verluste hinnehmen, so dass das Ende der Kämpfe leicht auszurechnen war. Die Pheliner schließlich waren es, die die Waldvölker zur Einigkeit aufriefen im Kampf gegen diese brutalen Schwarzen. Und so gelang es mit vereinten Kräften, das Leben im Wald wieder sicher zu machen. Die Pheliener entwickelten einen Zauber, der den Schwarzen ein weiteres Eindringen in den Wald unmöglich machen sollte. Die Taipan wurden angewiesen, zwecks Ablenkung sich eine letzte große Schlacht mit den Schwarzen zu liefern. Während dieser sollten die Samten den Zauber blitzschnell durch die Wipfel der Bäume zu den Waldrändern tragen und dort verteilen. Sobald dies aber geschehen war, griffen die Pheliener in die blutige Schlacht ein und trugen auch hier den Zauber vor sich her, die Schwarzen aus dem Wald. Alles gelang, wie geplant. Seit dieser Zeit leben die Waldvölker in Einigkeit. Die Herrschaft der Pheliener ist unumstritten und dennoch ist die Eigenart eines jeden Volkes für das Überleben im Wald entscheidend."
Wieder schwiegen die beiden. Schließlich runzelte Thesis die Stirn und schüttelte langsam den Kopf. "Ich kennen keinen Zauber, der auf eine ganze Rasse wirken könnte, erst recht nicht während einer so langen Zeit. Die Zauber, mit denen wir umgehen sind meist nur von kurzer Dauer. Auch ist es uns gänzlich unmöglich, Personen zu verzaubern. Es scheint, als wäre uns Pehlienern über die Jahrhunderte hinweg ein Großteil unseres Wissens verloren gegangen, anstatt dass wir es mehrten und pflegten. Zumindest muss dem so sein, wenn die Geschichte deines Großvaters der Wahrheit entspricht. Ich werde", doch hier wurde Thesis jäh unterbrochen. Die Tür wurde aufgerissen und ein Golliener stürmte herein. "Grogis, was ist passiert, dass du so ungestüm in mein Heim eindringst?" "Zwölf meines Volkes sind tot, hingemetzelt von uns allen bislang unbekannten Wesen. Wir feierten gerade das erste Lachen von Trop, Meliks Sohn. Es war ein so schönes Fest, alle waren glücklich. Da plötzlich sprangen aus der Dunkelheit zwei Wolfsgestalten in das Licht unserer Feuer. Und ehe wir irgendetwas unternehmen konnten, lagen zwölf zerrissene Leiber in unserer Mitte und die Wölfe waren wieder verschwunden. Auch Melik ist tot."
Betroffenes Schweigen folgte diesem Bericht. Dann aber ergriff endlich Osis wieder das Wort. "Es ist keine Zeit zu verlieren, Thesis. Ohne Zweifel sind die Zauber vergangener Zeiten verblasst und die Esper haben die Gelegenheit ergriffen, wieder in unseren Wald einzudringen. Du musst eine Möglichkeit finden, das vergessene Wissen uns erneut zugänglich zu machen. Wieder ist es notwendig geworden, dass die Waldvölker all ihre Macht vereinen und gegen die Esper in den Krieg ziehen. Nun fehlt nur noch das Volk der Taipan, bis wieder alle von uns betroffen sind." "Was soll das heißen?", war Grogis erschrocken ein. "Sind denn noch andere Vorfälle passiert?" Da berichtete Thesis von dem Grauen, das über die Samter hereingebrochen war und schilderte auch die Begebenheit der längst vergangenen Tage, in denen Esper und Wantung ihre letzte Schlacht geschlagen hatten. "Ich werde", setzte Thesis anschließend erneut an, "die ältesten Bücher benötigen, um zu versuchen, das vergessene Wissen erneut zu finden. Osis, Du ältester aller Geschichtsschreiber, kannst mir dabei helfen. Bringe alles heran, jede auch noch so nutzlos erscheinende Seite. Es ist unsere einzige Hoffnung, wieder zu finden, was Ruhe und Frieden uns verlieren ließen. Du aber, Grogis, mache dich auf den Weg zu den Taipan. Du wirst Cadhu Bericht erstatten und ihn um ihre Hilfe bitten. Wir brauchen Kämpfer, die vorerst mit weltlichen Kräften bemüht sind, den Übergriffen der Esper Einhalt zu gebieten."

Cardhu ist noch nicht lange Führerin der Taipan. Erst vor wenigen Monden verließ Merikles das Lager, da seine Zeit gekommen war. Den Herrscherbogen übergab er zuvor seiner Tochter. Tatsächlich ist die Cardhu die beste Kämpferin und wurde fraglos von allen als Führerin akzeptiert.

Da kein Volk alleine den Espern gewachsen war, beschloss man, eng beieinander fortan zu wohnen. So verließen die Samten ihre heimatlichen Wipfel, die Taipan brachen die Zelte ab, die Golliener zogen aus ihren Höhlen und die Pheliener rückten in ihren Behausungen enger zusammen, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen. Ein ausgeklügelter Wachplan der Taipan sollte weitere Überriffe der Esper verhindern. Und bis auf kleinere Scharmützel zwischen Espern und Taipan, die auf beiden Seiten nur wenige Opfer forderten, verliefen die Wochen recht ruhig. Eine jede Rasse bemühte sich um Rücksicht und Zurückhaltung gegenüber der anderen. Doch war dies bei so unterschiedlichen Mentalitäten auf engstem Raume auch von höchster Notwendigkeit. Je länger aber die vermeintliche Ruhe dauerte, desto mehr häuften sich auch die kleinen Zwistigkeiten untereinander. Nur Thesis schien von all dem, was um ihn herum vorging nichts zu merken. Keine Ruhepause gönnte er sich, keine Minute des Schlafes konnte ihn verführen. Immer fand man ihn lesend und sinnend, brauend und murmelnd in seiner Hütte. Dann aber, eines Morgens, kam er heraus. Aufgeregt rief er Grogis zu sich. "Ich benötige Deine Hilfe. Wie es scheint, haben meine Vorväter nach gewonnener Schlacht eine Truhe vergraben. In dieser Truhe verborgen liegt der Grundstein für die Zauberkraft der Pheliener. Meine Vorväter schienen der Ansicht zu sein, dass solch unermesslichen Kräfte in Friedenszeiten nur zu Unfrieden und Neid, zu Kämpfen und Herrschsucht führen werden. Um die Einigkeit des Waldes zu sichern, schwächten sie freiwillig die eigenen Kräfte. Nun aber benötigen wir Pheliener eben gerade diese Kräfte, um mit unserem Zauber zum gemeinsamen Ziel beizutragen. Dein Volk versteht es meisterlich, sich Gänge und Höhlen in die Erde zu graben. Die besten Deines Volkes werden in der Lage sein, die Truhe zu finden, da ich nur ihren ungefähren Aufbewahrungsort kenne." Und so zogen fünf junge Golliener unter dem Schutz eines kleinen Kämpfertrupps der Taipan zur tiefsten Stelle des Waldes aus. Thesis selbst aber nutzte diese durch die Umstände erzwungene Pause, um den Schlaf der vergangenen Wochen nachzuholen.

Neuigkeiten erfuhr man durch die Hilfe der Samten, die zwischen den Baumwipfeln blitzschnell die Nachrichten zwischen Heimat und Suchtrupp hin und her trugen. So wusste man, dass der Trupp unbeschadet und ohne weiteren Angriffen der Esper ausgesetzt zu sein, sein Ziel erreichte. Hier an der dunkelsten und tiefsten Stele des Waldes aber, erschien die Gefahr am größten. Tauchten die Esper doch immer aus der Dunkelheit auf und verschwanden, nach ihrem grausigen Tagwerk auch wieder dorthin. So ist es verständlich, dass die Golliener von den besten Kämpfern begleitet wurden und auch Cardhu natürlich an ihrer Seite nicht fehlte. Wachen wurden eingeteilt und gleich darauf begannen die Golliener zu graben. Zehn ganze Sonnenwechsel hindurch zerwühlten sie die Erde; sie gruben in die Tiefe, gruben im Kreis, gruben kreuz und quer. Alleine die Truhe schien unauffindbar zu sein und erste Zweifel wurden laut. Was, wenn Thesis sich irrte, was, wenn mit dieser Suche nur nutzlose Zeit vertan wurde. Ja was wäre, wenn die Geschichte, die Osis erzählte, keine wahre Begebenheit, sondern lediglich eine alte Fabel für Kinder wäre, die den Sinn der Einigkeit zeigen sollte? Doch dann aber, gerade noch rechtzeitig, ehe der Zusammenhalt der Völker zerbrach, wurde die Truhe gefunden. Erstaunlicherweise hatte während der gesamten Suche kein Esper sich blicken lassen, was Thesis noch mehr von der Macht ihres Inhaltes überzeugte. Endlich stand die Truhe nun vor ihm. Die Führer hatten sich beieinander versammelt und sahen ehrfürchtig auf das alte gesprungene Holz. Thesis blickte ernst in die Runde. "Es wird Zeit, das Wissen meiner Vorväter zu ergründen." Aber Osis unterbrach ihn: "Kein anderer als ein Pheliener hat Anrecht, den Inhalt dieser Truhe zu entdecken. Kommt Freunde, wir wollen Thesis alleine lassen und uns den eigenen Werten zukehren. Ich selbst werde versuchen, die Begebenheiten der letzten Wochen in angemessene Worte zu kleiden. Ist unser Schicksal auch ungewiss, so darf dennoch unsere Geschichte nicht ungeschrieben bleiben." Und so verließen die drei Herrscher Thesis Hütte und ließen ihn allein zurück.

Thesis selbst aber fühlte sich bekommen. So sicher wie er war, unermessliches zu entdecken, so unsicherer war er denn auch, was es eigentlich zu entdecken galt. Schließlich war die Geschichte der Truhe, wie jede andere Geschichte auch, von einem Samten niedergeschrieben worden. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Osis eben gerade das Geheimnis der Pheliener einem Pheliener überlassen hatte, hatte auch damals kein Samte Kenntnis, was die Truhe beinhaltete. Vorsichtig legte Thesis beide Hände auf den Deckel der Truhe, suchte inner Ruhe in einem Gebet. Und erst, als es ihm gelungen war, jedes schlechte Gefühl aus seinem Herzen zu erbannen, öffnete er langsam den Deckel. Ein Luftzug strich über sein Gesicht.

Die drei anderen Führer hatten sich an einem schattigen Platz vor Thesis Hütte zurückgezogen. Lange Stunden mussten sie warten. Ihre innere Anspannung teilten sie schweigend miteinander. Endlich aber öffnete sich die Tür und Thesis trat heraus. Auf seinem Gesicht lag ein seltsam anmutender Glanz. Seine Haltung war ruhig, ja fast gelassen. "Wir werden versuchen müssen, die Esper noch eine Weile mit unseren irdischen Kräften zurück zu halten. Es ist noch ein langer Weg, bis wir hoffen können, die endgültige Schlacht zu unseren Gunsten zu entscheiden." "Was hast Du denn herausgefunden", fragte Cardhu erregt. "Ein Menschenzauber versiegelt die Macht. Nur ein Mensch wird in der Lage sein, die Siegel zu zerbrechen. Es ist also die Hilfe einer weiteren Rasse von Nöten, unser Waldvolk zu retten. Ich werde Talin entsenden, die Truhe zu den Menschen zu tragen und ihre Hilfe zu erbitten." "Warum wählst Du Talin, warum beauftragst Du nicht einen Trupp unserer besten Kämpfer? Ein Einzelner wird wohl kaum in der Lage sein, die Gefahren des Weges zu bestehen und diese Aufgabe zu erfüllen!", entgegnete Cardhu. "Viele Faktoren gibt es zu bedenken; die Truhe offenbart ihr Geheimnis nur einem Pheliener. Und ein Begleittrupp würde die Aufmerksamkeit der Esper erregen und einen Angriff provozieren. Schließlich werden alle Kämpfer hier zur Verteidigung unseres Lagers benötigt. Talin ist die Stärkste und Geschickteste unsere Volkes. Ihr Wesen ist gut und rein. Die Menschen werden gerne bereit sein, ihr die notwendige Hilfe zu geben. Sie ist klug und selbständig, von klarem Verstand und fähig, schnelle Entscheidungen zu fällen. Sie ist die einzige, die in Frage kommt, den langen und gefährlichen Weg zu meistern. Und ihre Zauberkraft wird ausreichen, das Geheimnis der Truhe auch zu uns zurück zu tragen." Cardhu runzelte die Stirn. Osis war es, der der Uneinigkeit der Gefühle ein Ende bereitete: "Es ist unser aller Schlacht; jedoch versteht kein anderes Volk als das der Pheliener die Zauberei. Es sind ihre Wurzeln, die es zu entdecken gilt. Würdest Du, Cardhu, einen anderen als einen Taipan die Aufstellung Deiner Truppe bestimmen lassen?" "Du hast recht", stimmte Cardhu nun zu. "Es ist die Sache der Pheliener und allein Thesis kann entscheiden, was richtig ist. Ich selbst werde mit meinem Volk dies Lager so lange als möglich sichern und so das meinige dazu beitragen." Nun aber meldete sich Grogis zu Wort: "Wie soll Talin die Menschen finden? Wir wissen nicht, wo sie wohnen. Und wie erst soll sie einen menschlichen Zauberer finden, der mächtig genug ist, das Siegel zu brechen" Ein einziges Mal traf ich einen verirrten Wanderer im Wald - halb verhungert und von Angst verwirrt. Er war mitnichten des Zauberns mächtig." Thesis aber schüttelte langsam sein Haupt. "Die Menschen sind ein Volk wie unsere Völker. Sie vereinen in ihrer Rasse viele Wesenzüge und Eigenschaften. Erst die Gesamtheit ihrer Rasse macht sie stark, die Schwäche des einzelnen wird von der Gruppe aufgefangen. Was den Weg betrifft, so müssen wir uns auf Talin verlassen. Die Menschen leben noch hinter den Sümpfen, so viel ist gewiss. Ist Talin erst aus dem Wald und den Sümpfen heraus, müssen das Schicksal und ihr Gefühl sie führen." Thesis entschied sich, Talin so weit als möglich auf die beschwerliche Reise vorzubereiten. Innerlich ahnte er, dass er den Ausgang ihres Abenteuers nicht erleben würde. Und so war es notwendig, sein gesamtes Wissen auf sie zu übertragen, auf dass Talin in diesem Falle befähigt wäre, die Führung der Pheliener zu übernehmen. Noch in der gleichen Nacht versenkte Thesis Talin in einen tiefen Schlaf und übertrug auf sie seine innere Macht. Am nächsten Morgen aber schickte er sie auf die Reise.

Als der Tag anbrach und die Sonne sich über dem Horizont erhob, schloss Talin geblendet die Augen. Ihr Leben hatte sie nur im Wald verbracht, in dem die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach der Bäume ihrer Heimat nur gedämpft zu ihr gedrungen waren. Nun aber befand sie sich in einer weiten Ebene. Grasland so weit das Auge reichte, in der Ferne einige Hügel, hinter ihr das glucksende Sumpfland. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Lichterflut. Zweifelnd sah sie sich um, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte, um menschliche Behausungen zu finden. Gerade aber, als sie sich entschloss, der ursprünglichen Richtung, weg vom Sumpf weiter zu folgen, zwang eine innere Stimme sie, Halt zu machen. So löste sie vorsichtig das Holzgestell mit der Truhe von ihren Schultern und kniete nieder. In einem Gebet dankte sie, den Espern entkommen und dem Sumpf entronnen zu sein, als plötzlich eine Stimme dicht neben ihrem Ohr erscholl: "Was bist denn du für ein Wesen? So jemanden habe ich ja noch niemals gesehen. Und welch komisches Fell Du trägst. Und all diese Sachen um dich herum" Du gehörst nicht hierher, sonst hätte ich dich schon an früheren Tagen entdeckt!", schnatterte es aufgeregt. Talin öffnete erstaunt die Augen und blickte auf ein kleines Pelztierchen, fast wie ein Eichhörnchen, doch ohne den buschigen Schwanz und von viel rundlicherer Gestalt. Etwas verwirt antwortete sie: "Ich bin Talin, eine Phelienerin." Plötzlich brach Talin ab und hielt die Hand vor den Mund. Was von ihren Lippen gekommen war, war mitnichten die gewohnte Muttersprache. Vielmehr warn Lippen und Zunge in ein Zwitschern und Schnalzen verfallen, das in ihren eigenen Ohren gänzlich fremd klang. "Was ist los? Warum sprichst Du nicht weiter?" Talin konzentrierte sich und ihr Innerstes begann zu begreifen, dass Thesis sie für diese Reise besser vorbereitet hatte, als sie es bislang angenommen hatte. Sie wusste um Thesis Sprachtalente. Gab es doch kein Wesen, mit dem er sich nicht fließend verständigen konnte. Nur war ihr bisher unbekannt, dass diese Fähigkeit auf andere übertragbar sei. Etwas gefasster und auf ihr eigenes Können neugierig, hob sie erneut an: "Ja, ich bin Talin, eine Pelienerin aus dem Wald jenseits des Sumpfes. Ich muss einen menschlichen Zauberer finden und befinde mich daher in dieser, von meiner Heimat weit entfernten Gegend. Vielleicht kannst du mir helfen? Aber verrate mir vorerst auch deinen Namen und welcher Rasse du angehörst." "Ich bin Gecki und wohne hier mit meiner Erdhörnchenfamilie. Einen Zauberer wirst du hier allerdings kaum finden. Die Menschen sind weggezogen, als das Umland vom großen Krieg endlich restlos verwüstet war. Kein Stein blieb auf dem anderen, kein Blatt war mehr an den verbrannten Bäumen zu finden. Auch wir Erdhörnchen hatten eine harte Zeit. Hätten wir nicht seit jeher einen Hang zum Hamstern und Sparen für harte Zeiten, hätte wohl kaum einer meiner Familie überlebt. So aber konnten wir von den Vorräten ein karges Dasein fristen, bis die Natur sich wieder so weit erholte, dass wir aus ihr unseren alltäglichen Bedarf decken konnten. Allein, bis die fetten Jahre wiederkommen, wird wohl noch einige Zeit in's Land gehen müssen. Ja, das Leben ist schwer; dabei wissen wir gar nicht, warum die Menschen diese große Schlacht gegeneinander geführt haben. Die Menschen sind merkwürdige Geschöpfe und ihre Natur ist von der unseren völlig verschieden. Anstatt glücklich zu teilen, was man hat, wie es unsere Art ist, bestimmen Neid und Missgunst ihr Leben. Wenn du auf ihre Hilfe angewiesen bist, so bist du verlassen. Gleich jetzt könntest du deine Suche beenden und heim zu den deinigen kehren. Erwarte nichts Gutes von den Menschen. Versuche, dein Problem alleine zu lösen." Ein durchdringender Pfiff erklang in der Ferne. Erschrocken fuhr das Erdhörnchen zusammen: "Schnell, ein Adler naht! Du musst fliehen und dich verstecken!" stieß es entsetzt aus, rannte davon und war in kürzester Zeit zwischen den hohen Grashalmen verschwunden. Noch als Talin dem Erdhörnchen nachblickte, verdunkelte etwas den Himmel. Sie spürte einen starken Luftzug und wurde im gleichen Moment von zwei riesigen Greiffüssen gepackt, emporgehoben und durch die Luft entführt. "Meine Truhe, nein, du musst mich sofort zurückbringen! Ich darf meine Truhe nicht unbeaufsichtigt lassen. Setz mich sofort wieder ab!", schrie Talin in das Tosen der um ihre Ohren donnernden Windböen hinaus. Wider all ihrer Erwartungen flog der Adler einen Bogen und ließ sie vorsichtig an der gleichen Stelle herab, an der er sie gepackt hatte. "Da muss ich mir meinen Fang doch einmal näher betrachten. Bist du ein verwachsenes Adlerjunges, dass du meine Sprache beherrscht?" Talin neugierig beäugend schritt der Adler um sie herum, neigte den Kopf und fixierte sie mal mit diesem und mal mit jenem Auge, den Schnabel drohend geöffnet und die Flügel flugbereit ein wenig vom Körper abgespreizt. Talin aber griff sofort nach ihrem Holzgestell und schnallte, durch den ebigen Vorfall belehrt, ihre kostbare Bürde sogleich auf ihrem Rücken fest. Nie wieder, nahm sie sich in Gedanken vor, würde sie ihre Mission so leichtfertig der Gefahr aussetzen. "Ich muss achtsamer werden. Ich bin nicht daheim in meinem Wald. Die Gefahren, die hier auf mich lauern sind mir gänzlich unbekannt. Viel achtsamer muss ich werden und immer auf der Hut sein!" Erst, als alle ihre Dinge fast an ihrem Platz saßen, wandte sie sich dem Greifvogel zu, der sie abwartend weiter umkreiste. "Ich danke dir sehr, dass du mich gleich wieder abgesetzt hast. Nein, ein miss gestaltetes Adlerjunge bin ich nicht. Ich bin eine Phelienerin. Mein Name ist Talin. Mein Volk ist in großer Gefahr und ich wurde ausgeschickt, menschliche Hilfe zu erbitten. Kannst du mir helfen, die Behausungen der Menschen zu finden?" "Warum sollte ich dir helfen? Bist du kein Adlerjunges, so bist du mir als Nahrung gerade recht. Ein großer Happen, gerade eben noch leicht genug, dass ich dich zu den hungrigen Mäulern in meinem Nest tragen kann. Gut, du sprichst meine Sprache. Hast du aber dadurch irgendein Anrecht, Hilfe zu verlangen?" Talin senkte den Kopf, Wieder musste sie sich klar machen, dass sie nicht mehr in ihren heimischen Wäldern war. Dort war es selbstverständlich, dass jeder Kreatur, die Hilfe benötigte, auch Hilfe zuteil wurde. Hier draußen allerdings schienen andere Gesetze zu gelten. Sie gedachte der Worte des Erdhörnchens, das ihr geraten hatte, sofort heimzukehren, da sie doch nicht erlangen werde, was für ihr Volk so wichtig war. "Aber", dachte sie bei sich, "ich habe kein Recht, den Mut so schnell sinken zu lassen. Nicht nur die Pheliener erwarten sehnsüchtig meine Heimkehr. Die Rettung des gesamten Wantun-Volkes hängt alleinig von meiner Stärke ab." Also blickte sie dem Adler fest in die Augen. "Ich werde dir meine Geschichte erzählen. Ich werde sie deiner gesamten Familie erzählen. Dann sollt ihr selbst entscheiden, ob ihr großmütig sein wollt und Hilfe dem hilfsbedürftigen gewährt, oder ob aber ein schnell verdautes Mal eure Grausamkeit rechtfertigt. Bringe mich jetzt, da ich all mein hab bei mir trage, zu deinem Heim, wie du es plantest. Du siehst, ich gebe mich ganz in deine Hände." Und mutig erhobenen Hauptes trat sie auf den Adler zu. Dieser wich nun plötzlich erschrocken ob ihres Mutes einen Schritt zurück. Noch einmal musterte er Talin von allen Seiten, Ausschau haltend nach versteckten Waffen, die als Erklärung ihr sicheres Auftreten rechtfertigten. Als er noch immer aber nichts Gefährliches an dem kleinen Wesen entdecken konnte, nickte er langsam zum Zeichen seiner Zustimmung, ergriff sie ein wenig vorsichtiger mit seinen scharfen Krallen und trug sie durch die Lüfte davon.

Talin sah sich atemlos neugierig nach allen Seiten um. Sie konnte den Sumpf erkennen, allein die heimatlichen Waldwipfel waren zu weit entfernt und nicht von hier oben zu entdecken. Die Hügelkette, die sie bereits zuvor vom Boden aus in der Ferne entdeckt hatte, entpuppte sich nun von hier oben als Ausläufer eines riesigen Gebirges. Endlos erstreckte sich Bergkette um Bergkette in der Ferne. Und in eben diese Richtung flog auch der Adler mit ihr. Als echtes Wantung-Kind konnte die große Höhe Tain nicht erschrecken. War sie es doch von klein auf an gewohnt, die höchsten Baumwipfel als Spielplatz zu nutzen. Allein, es war ihr erster Flug und sie genoss diese unbeschwerte Art des Reisens. Ihre Gedanken allerdings drehten sich um die bevorstehende Erzählung. Eine Geschichte nach der anderen spann sie in ihrem Kopf, den Adler zu überzeugen. Aber jede Idee verwarf sie nach kurzer Bedenkzeit auch wieder. "Nur die Wahrheit kann Berge versetzen", erinnerte sie sich der Worte der Mutter. "Die Lüge ist wie ein tiefes Loch in der Erde, von dem man selbst früher oder später verschlungen wird." Also entschloss sich Talin, auf jedwede Unwahrheit zu verzichten und der Adlerfamilie nur zu schildern, was wirklich vorgefallen war.

Endlich ereichte der Adler die erste Bergkette und schwebte, nur vom Aufwind getragen nah an der Felswand empor. Fast ganz oben, verdeckt in einem Felsvorsprung, entdeckte Talin sein Nest. An dessen Rande saß die Adlermutter und fütterte ihre Jungen - zwei an der Zahl. "Wo bist du so lange gewesen? Und was bringst du da mit?" Der Adler ließ Talin vorsichtig am Nestrand herab, stieß die hungrig zuschnappenden Schnäbel seiner Jungen beiseite und erklärte den Sachverhalt. Die Adlermutter schüttelte unwillig den Kopf. "Deine Gutmütigkeit bringt deine Kinder eines Tages noch dem Hungertod nahe. Aber ein Versprechen muss man halten. Also", wandte sie sich an Talin, "erzähle deine Geschichte und die deines Volkes. Aber erwarte nicht meine Nachsicht. Du selbst siehst, wie es um meine Kinder steht. Von früh bis spät bin ich auf der Suche, um irgendetwas Essbares für diese Nimmersatts aufzutreiben. Und du kannst dir sicherlich denken, dass in dieser kargen Gegend nach dem großen Krieg das Futter rar geworden ist. Auch wir haben bessere Zeiten erlebt. Aber nun erzähle, auf dass die Entscheidung, was mit dir zu geschehen hat, getroffen werden kann." Und Talin berichtete von den schlimmen Vorfällen in ihrem Wald und der verzweifelten Lage, in der sich das gesamte Wantung Volk befand. Und sie berichtete auch von der Hoffnung, die die Wantung in ihre Mission setzten. Allerdings verschwieg sie das Geheimnis der Truhe. Lediglich, dass die Hilfe eines menschlichen Zauberers benötigt wurde, nicht jedoch, was seine eigentlich Aufgabe sein würde, erfuhr die Adlerfamilie. Als Talin geendet hatte, herrschte für kurze Zeit Schweigen. Der Adlervater war der erste, der dies Schweigen brach. Er wandte sich an seine Frau: "Du siehst, auch dort geht es um Familien und Kinder. Ein ganzes Volk hängt von diesem kleinen Wesen ab. Wir sollten bereit sein, soweit als möglich zu helfen." Die Adlermutter nickte zustimmend. "Bringe Talin in die Nähe der menschlichen Behausungen. Aber gib Acht auf dich und flieg nicht zu nah zu ihnen. Du weißt, dass wir von den Menschen nichts Gutes zu erwarten haben. Sei auf der Hut vor ihren Pfeilen und Steinschleudern. Du weißt, wie sehr unsere Federn von ihnen geschützt werden. Nun macht euch auf den Weg. Ich werde die Kleinen schon eine Zeitlang ohne dich versorgen können."

Und so kam es, dass Talin ihre bisher so beschwerliche Reise auf leichteste Art fortsetzen konnte. Der Adler trug sie - wie schon zuvor - vorsichtig in seinen Fängen durch die Lüfte. Sie überquerten das Gebirge, überquerten einen in Talins Augen äußerst fremd anmutenden Wald. Auf der anderen Seite des Waldes aber ließ der Adler Talin am Boden nieder. Vor ihr lagen weite Wiesen, merkwürdig regelmäßig abgegrenzt und gepflegt. "Nun musst Du alleine weiter suchen, denn dich weiter zu tragen wäre für mich zu gefährlich. Ich wünsche dir Glück. Hoffentlich kannst du die deinen vor den angreifenden Espern retten. Aber nimm dich in Acht vor den Menschen." Mit diesen Worten schwang der Adler sich wieder hinauf und ließ Talin, noch ehe diese ein Wort des Dankes äußern konnte, allein zurück.

Talin blickte sich um. Nichts regte sich und kein Wesen konnte sie erblicken, um es nach dem weiteren Weg zu fragen. Da sie nicht wusste, wo sie ihre Suche fortsetzen sollte, ließ sie sich vorerst nieder, um Rast zu machen. Jetzt erst merkte sie, wie beschwerlich die vergangenen beiden Tage gewesen waren. Sie zog einige trockene Wurzeln aus ihrem Mantel hervor, suchte vom Boden einen Stein und begann mit diesem, einzelne Fasern von den Wurzeln zu reiben. Es war eine Peto-Wurzel, bekannt dafür, außerordentlich nahrhaft zu sein und gleichzeitig Durst und Hunger zu stillen. So verzehrte sie das zwar karge, aber gesunde Mal und grübelte über die nächsten Schritte nach. Erneut erinnerte sie sich der Worte Thesis, ihrem Gefühl zu vertrauen. Jedoch war ihr Innerstes von den Begebenheiten der letzten Tage derart erfüllt, dass kein Platz für ein weiterleitendes Gefühl zu bleiben schien. Zudem brach bereits die Abenddämmerung herein und sie entschloss sich daher, vorerst ein wenig Schlaf zu suchen. Zu diesem Zwecke scharrte Talin eine Mulde in den Boden, kauerte sich hinein und bedeckte den eigenen Körper anschließend wieder mit Erde, so dass sie selbst für wachsame Augen gut verborgen war. Dennoch wagte sie nicht, das Holzgestell von ihrem Rücken zu schnallen. Die Müdigkeit ließ Talin jedoch bald alle Unbequemlichkeit vergessen und sie sank in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Als Talin erwachte, war die Nacht bereits fast vorüber. Am Horizont dämmerte bereits der nächste Morgen empor. Durch den langen Schlaf erfrischt und von einigen weiteren Wurzelfasern gestärkt, schöpfte Talin neuen Mut. Still horchte sie in sich hinein und spürte plötzlich, in welcher Richtung sie weitersuchen musste. Schnell schritt sie durch die friedliche Gegend. Die ersten Sonnenstrahlen umspielten wärmend ihre Schultern und einige Vögel zogen hoch oben am Himmel. Endlich entdeckte in der Ferne eine Rauchwolke; schon bald erkannte sie das Dach einer Hütte. Für einen Pheliener war diese jedoch, wenngleich die Bauart auch ähnlich wirkte, viel zu riesenhaft. Es musste, so schloss sie daraus, die erste menschliche Behausung auf ihrem Weg sein. Aber immer noch wusste sie nicht, wie sie den Menschen begegnen sollte. Die Adler und auch das Murmeltier hatten versucht, sie vor den Menschen zu warnen. Thesis aber hatte nicht mit einem Wort schlechte Charakterzüge dieser Rasse erwähnt. Auf viele Gefahren hatte er sie vorbereitet, nicht aber auf die Begegnung mit einem Menschen. Da plötzlich aber kam ihr eine Idee. Die Menschen mussten sie selbst nur für einen ihresgleichen halten. Denn einem Angehörigen der eigenen Rasse würden die Menschen wohl bereit sein, zu helfen. Eilig machte Talin kehrt, verfolgte die Augen starr auf den Boden gerichtet, einen Teil der Strecke zurück. Und bald entdeckte sie, wonach sie gesucht hatte. Sie pflückte einige Büschel langer dürrer Grashalme und flocht daraus eine Kopfbedeckung, unter der sie ihre blauen Haare verstecken konnte. Ihre Kleidung, insbesondere ihr weiter Umhang waren durch die lange Reise derart ruiniert und zerrissen, dass man deren Herkunft nicht einmal mehr erahnen konnte. Jedenfalls verrieten die Fetzen, die sie umhüllten, nichts von ihrem phelienischem Ursprung. Dies erbärmliche Äußere würde vielleicht Mitleid erwecken und somit ihrem Anliegen eher förderlich, denn hinderlich sein. Und gelang es ihr, sich als Menschenkind auszugeben, so würde auch ihre zierliche kleine Gestalt leicht erklärt. So brach sie erneut in Richtung der Hütte auf, voll Zuversicht, ihre List werde gelingen.

Gegen Mittag erreichte Talin das Haus. Leise pochte sie an die Tür und wartete auf den Klang einer menschlichen Stimme. Jedoch blieb alles ruhig. Erneut klopfte sie an die Tür, diesmal schon etwas heftiger, doch unverändert erfolglos. Mit Herzklopfen drückte sie vorsichtig die Klinke herab und trat ein. Sie gelangte in einen großen, für einen Pheliener sogar riesenhaften Raum. Niemand war zu sehen, aber an der gegenüberliegenden Wand brannte in einer Herdstele ein freundliches Feuer. Kessel und Pfannen waren an Haken an der Wand rundherum verteilt. In der Zimmerecke rechts von dem Herdfeuer befand sich ein großer Tisch, umgeben von acht hohen Lehnstühlen. An der vom Feuer links gelegenen Wand waren hohe Regale aufgestellt, auf denen sich Becher, Teller, Schalen und Kannen, aber auch Dosen und Kisten, Schachteln und offen lagernde Vorräte häuften. Eine weitere Tür neben dem Tisch erweckte Talins Neugier. Sie öffnete diese behutsam und gelangte in einen weiteren Raum. Hier befanden sich die Schlafstätten der Bewohner. Ein großes Bett am Kopf des Raumes, rechts und links jeweils zwei in Nischen eingelassene und mir Vorhängen zu verschließende Kojen sowie ein großer Schrank machten die gesamte Einrichtung des Raumes aus. Talin wandte sich zurück und beschloss in dem ersten Zimmer auf die Heimkehr der Bewohner zu warten. So geborgen fühlte sie sich in der Wärme des lodernden Feuers, dass sie es sogar wagte, die Truhe von ihrem Rücken und bequem am Tisch platz zu nehmen.

Ihre Gedanken trugen sie in die Heimat. Wie die Dinge dort wohl stehen mochten, fragte sie sich. Ob es weitere Angriffe der Esper gegeben habe, es somit weitere Opfer gäbe und vielleicht der ein oder andere Freund dabei um sein Leben gekommen sein mochte. Ein Gefühl der Verlassenheit stieg in ihr hoch. Aber, so zwang sie sich selbst zu innerer Stärke, war sie nicht ausgezogen, die Rettung zu bringen? Sie durfte dieser traurigen Stimmung nicht nachgeben, sondern musste sich des Vertrauens Thesis und all der anderen ihres Volkes als würdig erweisen. Bei dem Gedanken an Thesis aber kroch ihr ein kalter Schauer über den Rücken und Talin rückte ein wenig näher an das Feuer. Noch ehe sie aber die Bedeutung der plötzlichen Kälte zu ergründen vermochte, wurde die Tür weit aufgerissen und herein stürmte ein Kind. Erschrocken fuhr es auf der Schwelle zusammen, hielt inne, machte anschließend kehrt und verschwand. Talin erhob sich, um dem Kinde nachzugehen, als ein großer bärtiger Mann die Hütte betrat und sie eindringlich musterte. In der Hand, auf Talin gerichtet, hielt er einen merkwürdig geformten, metallischen Gegenstand. Talin hatte etwas derartiges noch nie zuvor in ihrem Leben erblickt, spürte aber instinktiv die Gefahr, die von diesem Ding ausging.

Als der Mann erkannte, dass ein Kind vor ihm stand, ließ er die Waffe sinken und traut auf sie zu. "Wer bist du, was hast du hier zu suchen?", fragte er sie. Erst jetzt wurde Talin sich bewusst, dass sie versäumt hatte, sich eine zu ihrem menschlichen Auftreten passende Geschichte zu Recht zu legen. Im Empfinden der Pheliener ist die Lüge das schlimmste Vergehen und so stieg ihr Schamesröte in das Gesicht. "Hab mich verirrt" war alles, was murmelnd über Talins Lippen kam und schnell, um dennoch glaubhaft zu wirken, entpresste sie ihren Augen einige Tränen. Der Mann wandte sich wieder zur Tür. "Komm rein, Seiga, es ist nur ein verirtes Kind!" rief er hinaus. Eine Frau betrat den Raum, dicht gefolgt von dem Kinde, das Talin zuerst gesehen hatte. "Ach herrjeh, wie siehst du hungrig aus", rief die Frau sofort bei Talins Anblick. "Welche Mutter der Welt lässt denn ein kleines Kind wie dich allein unterwegs sein? Wo sind deine Eltern?" Talins Gedanken arbeiteten fieberhaft. "Meine Eltern sind tot, umgekommen durch ein schweres Fieber. Ich bin auf der Suche nach einem Verwandten, von dem meine Mutter einmal sprach. Jedoch, ich weiß weder, wo ich ihn suchen soll, noch weiß ich genau, wo ich bin. Als ich euer Haus erblickte, trieb es mich sofort hierher in der Hoffnung, ein wenig Hilfe zu erhalten. Verzeiht, dass ich einfach eingedrungen bin. Das Herdfeuer brannte so verlockend und alles sah so häuslich aus, ganz wie bei uns daheim." Talins Herz pochte heftig bei all diesen Lügen. Der Gedanke an ihre Aufgabe und Verantwortung, die sie trug, besänftigte jedoch ihr schlechtes Gewissen.

Die Menschenfamilie nahm Talin außerordentlich liebevoll auf. Seiga lief geschäftig zwischen Regalwand, Herd und Tisch hin und her und bereitete innerhalb kürzester Zeit ein reichhaltiges Mal. Miegor, so war der Name des Mannes, brachte Talin in der Zwischenzeit zu einer Wasserpumpe hinter dem Haus, an der Talin sich den Schmutz von der Reise abwaschen sollte. Einige Kleidungsstücke des Kindes wurden hervorgesucht, die sie gegen ihre Fetzen tauschen sollte. Schwierig wurde es nur bei Tains eigenwilligem Hut, den sie aus für Miegor unerfindlichen Gründen nicht bereit war, vom Kopf zu nehmen. Talin fiel in ihrer Verzweiflung keine bessere Ausrede in, als dass er das letzte Geschenk ihrer Mutter gewesen sei, die den Hut, während sie durch das Fieber mehr und mehr geschwächt wurde, als letztes Andenken für ihre kleine Tochter geflochten haben sollte.
So fand sich Talin kurze Zeit nach dem Eintreffen der Menschen frisch gewaschen und gekleidet an einer reich gedeckten Tafel wieder. Allein, der Tisch offenbarte ein Sammelsurium ihr gänzlich unbekannter Speisen. Zögerlich wartete sie ab, was die Menschen wohl damit anfangen würden, versuchte so zu ergründen, was genießbar und wie es gegessen wurde. Allerdings schien niemand ihre Unsicherheit zu bemerken. Nur das Kind musterte Talin eindringlich, schwieg aber zu allen Vorgängen und aß brav den eigenen Teller leer. Während der Mahlzeit unterhielten Seiga und Miegor sich leise über ihre eigenen Belange. Aufmerksam lauschte Talin der Plauderei über das Wetter und die damit verbundenen guten Aussichten für die Ernte; einem Begriff, mit dem Talin allerdings gar nichts anzufangen vermochte. Die Wantung sind ein Sammlervolk, leben vom Reichtum des Waldes, der immer genügend Nahrung für alle Bewohner bereithielt. Mangel und Not sind den Wantung fremd. Aus diesem Grunde ist es auch völlig überflüssig, etwas anderes zu tun, als das zu suchen und sich zu nehmen, was man gerade begehrt. Die Nahrungsmittelpalette war aus diesem Grund bei den Pehlienern auch weit weniger vielfältig, als es die der Menschen zu sein schien. Talin horchte aufmerksam und versuchte sich aus den Worten soviel als möglich zusammen zu reimen. Sie verstand, dass offensichtlich die Frage der Ernährung von außerordentlicher Bedeutung zu sein schient, verstand auch, dass die Menschen diese Frage nicht einfach der Natur überließen, sondern selbst mühselig für ihren Unterhalt sorgten. Sie schienen dennoch abhängig von der Natur zu sein, die auf ihre Arbeit Einfluss nahm durch Faktoren des Wetters, aber auch durch den Raub der Ernte durch Angehörige anderer Rassen. Schon in diesem Gespräch erkannte Talin, dass die Menschen den anderen Rassen aus diesen Gründen nicht zugetan waren. Sie schimpften auf Käfer und Maden, auf Mäuse und Murmeltiere, auf Hasen und Rehe und noch manch andere Art. Und je mehr Talin dieses erkannte, umso froher war sie, sich nicht für die zu erkennen gegeben zu haben, die sie wirklich war, sondern als Menschenkind in dieser Familie zu sein.

Die Mahlzeit war ohne Zwischenfall verlaufen. Seiga begann den Tisch abzuräumen und Miegor wandte sich nun Talin zu. "Ich möchte dir einige Fragen stellen. Du musst verstehen, dass wir nicht einfach eine Fremde, nicht einmal ein Kind wie dich, unter unserem Dach behalten können. Zuerst sage mir deinen Namen und erzähle, woher du kommst." "Ich heiße Talin. Über meine Vergangenheit zu sprechen, bereitet mir allerdings schmerzliche Erinnerungen. Ich wäre froh, wenn weitere Fragen nach meiner Familie vorerst nicht besprochen werden müssten. Zu nah geht mir noch mein kummervoller Verlust. Und ich möchte nicht die Tränen der Trauer in euer Haus tragen. Auch hoffe ich, euch nicht allzu lange zur Last zu fallen. Schließlich bin ich, wie bereits erwähnt, auf der Suche nach einem Angehörigen meiner eigenen Familie. Ich hoffe, von ihm die Hilfe zu erhalten, die für meine Zukunft so wichtig ist. Vielleicht, dass ihr einen Zauberer hier in der Gegend kennt und mir dem Weg zu diesem weisen könntet?" "Ich verstehe deinen Schmerz", antwortete Miegor. "Er scheint allerdings, dich erwachsen gemacht zu haben. Rasmus, mein Sohn, muss ungefähr in deinem Alter ein. Aber niemals kämen solch verständigen Worte über seine Lippen. Wie alt bist du?" Talin aber konnte auch diese Frage nicht beantworten, da sie viel zu wenig von den Menschen und ihren Gewohnheiten wusste. Nicht einmal deren Zeitrechnung war ihr bekannt. So entgegnete sie abermals ausweichend: "Sicher ist es so, dass Schmerz den Menschen wachsen und reifen lässt. Allerdings bin ich auch klein für mein Alter und mit Sicherheit älter, als ihr denkt. Wie alt ist euer Sohn?" "Rasmus wird diesen Herbst sechs", antwortete Miegor und schien Talins ausweichende Art nicht zu bemerken. "Ich kann dir allerdings bei deiner Suche kaum behilflich sein. Unten im Dorf wohnt eine heilkundige Frau, die allerlei Krankheiten mit Kräutern und Sprüchen zu lindern vermag. Einen Zauberer allerdings kenne ich nicht in dieser Gegend. Hier wohnen nur einfache Leute; Bauern und Handwerker, die auf ehrliche Weise ihr Tagwerk verrichten. Ich will nicht gegen deine Familie sprechen, jedoch ist die Zauberei nicht unser Geschäft. Und du wirst wohl kaum jemanden finden, der glaubt, dass durch Beschwörungen anderes als Unheil und Leid erreicht wird. Einst war dies alles anders. Doch seit dem großen Krieg, der uns alle heimatlos gemacht hat und Leid über alle Menschen brachte, ist die Zauberei bei uns verpönt. Schließlich waren es die beiden größten Zauberer, die die Verantwortung für all dies Unheil trugen. Mich wundert daher nicht, dass deine Eltern nicht öfter von ihrem Verwandten sprachen. Niemand gibt gerne seine Verbindung zu den dunklen Mächten zu. Jedoch, wenn dieser Zauberer der letzte deiner Familie ist, so wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, als nach ihm zu suchen. Es sei denn", mit diesen Worten zog Miegor Seiga in das Gespräch, "vielleicht, dass jemand im Dorfe Talin in die Lehre nehmen würde? Was meinst Du? Sie macht einen klugen und freundlichen Eindruck und ist sicherlich fähig, als Magd einer reichen Familie hilfreich zu sein." Noch ehe aber Seige eine Antwort geben konnte, gab Talin zu bedenken, doch lieber der eigenen Familie verbunden zu bleiben, als bei fremden Menschen, und seien diese auch noch so gut, zu dienen. "Eure Vorbehalte gegen die Zauberei will ich nach all den Geschehnissen wohl verstehen. Aber versteht auch mich. Mein Gefühl, ganz allein und verlassen in dieser Welt zu sein. Nein, ich will meine eigenen Familie finden und mich nicht bei fremden Menschen verdingen." "Also gut", sagte Miegor. "So bleibt nur die Hoffnung, dass jemand im Dorf dir bei deiner Suche helfen kann. Die Nacht verbringst du bei uns. Morgen führe ich dich dann in das Dorf, dann wirst du wieder auf dich gestellt sein. Weiter kann ich nichts für dich tun." "Was ihr für mich getan habt, war mehr, als ich erwarten konnte. Ich werde für eure Familie ein Gebet sprechen, dass euch reiche Ernte bescheren wird." Talin erhob sich und traut vor die Hütte, froh, für kurze Zeit weiteren Fragen entronnen zu sein. Rasmuas allerdings folgte ihr in einigem Abstand. Plötzlich trat er auf Talin zu, musterte sie aus bösen dunklen Augen und sagte plötzlich leise: "Du bist kein Mensch, ich weiß es genau. Dein Blick ist wie von Tieren im Wald; Du hast meinen Vater belogen! Du hast meine Mutter belogen! Mich aber hast du nicht getäuscht. Du bist böse!" Zum Ende war Rasmus Stimme immer lauter und wütender geworden, bis sich der kindliche Klang bei den letzten Worten überschlug. Und ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er davon. Talin folgte ihm atemlos, spürte sie doch die Gefahr, die von dem Kinde ausging. Niemals durfte er seinen Eltern verraten, was kindliche Intuition ihm offenbart hatte. Und während Talin ihm noch folgte, überlegte sie, was das Kind zum Schweigen zu veranlassen vermochte.

Rasmus verlangsamte seine Schritte, als er in die Nähe eines kleinen Baches kam. Am Flussauf angekommen, ließ er sich zu Boden fallen und schnappte nach Luft. Talin näherte sich vorsichtig und ließ sich, als er keine Anstalten weiterer Flucht zeigte, neben ihm nieder. "Du brauchst keine Angst vor mir zu haben", sprach sie den Jungen schließlich an, "ich werde weder deinen Eltern noch dir etwas tun. Es ist wichtig, dass dein Vater mich morgen in das Dorf begleitet. Weiter wird nichts passieren." Sie schwieg einen Moment, um Rasmus die Gelegenheit zu geben, eine Reaktion zu zeigen. Er blieb aber reglos bäuchlings im Gras liegen und verfolgte stumm mit den Augen die Wirbel des Wassers. Ein Fisch sprang nach einer Fliege schnappend kurz über die Wasseroberfläche. "Weißt Du", fuhr Talin fort, "dass auch dieser Fisch dort Vater und Mutter hat? Und dieser Fisch wird eines Tages Kinder zur Welt bringen, auf dass es auch in vielen Jahren weiterhin seine Familie gibt. Und genauso gibt es im Wald Familien mit Eltern und Kindern. Die Geschöpfe des Waldes leben sogar noch enger zusammen, als es die Fische in diesem Bach tun. Sie wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind und der Zusammenhalt untereinander wichtig ist, um das überleben jedes einzelnen zu sichern." Während sie sprach, musterte sie Rasmus weiterhin aufmerksam, um zu sehen, ob ihre Worte ihn überhaupt erreichten. Ein kindlicher Zauberspruch kam ihr in den Sinn, und ohne darüber nachzudenken, sprach sie ihn aus. Sie gedachte, ihm so eine Freude zu machen. Aus dem Boden um sie herum wuchs ein Ring kleiner weißer Blüten. Endlich blickte Rasmus auf. In seinen Augen spiegelte sich sein Erstaunen, die Wut hingegen schien aus ihnen verschwunden zu sein. "Wie hast du das gemacht?", fragte er neugierig. "Mein Vater hat es mir beigebracht. Willst du es lernen?" "Ja bitte!" rief Rasmus mit kindlichem Eifer. Und Talin wiederholte die leichten Worte ihrer Sprache wieder und wieder, bis er sie beherrschte. Schließlich gelang auch Rasmus der Zauber. Zwischenzeitlich waren sie umgeben von einem Meer von Blüten. Talin hatte genau den richtigen Weg in das Herz des Jungen gewählt. Vertrauensvoll und fröhlich saß er neben ihr und spielte mit seinem neu erworbenen Können. "Bitte versprich mir, deinen Eltern vorerst nicht zu zeigen, was du gelernt hast. Es soll ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Und sage ihnen bitte auch nicht, was du von mir weißt. Sie machen sich sonst unnötige Sorgen und vielleicht würdest du meine Familie dadurch in schlimme Gefahr bringen!", bat Talin Rasmus. "Keine Angst", beruhigte er sie, "wir sind doch jetzt Freunde geworden, oder?" "Ja, wir sind richtig gute Freunde", entgegnete Talin. Und da die Dämmerung hereinbrach, erhoben sich die beiden und legten Hand in Hand die Strecke zum Haus zurück. In den blonden Locken des Jungen erkannte Talin aber eine winzige blaue Strähne und wusste nun, dass er gar nicht mehr fähig sein werde, sie zu verraten. Denn diese kleine Strähne bewies seine innere Zugehörigkeit zum Stamm der Pheliener. Und wenn Rasmus auch sein ganzes Leben lang keine weiteren Zaubersprüche lernen würde, so reichte doch dieser eine, um ihn für immer zu binden.

Seiga erwartete die beiden bereits in der Tür der Hütte. "Habt ihr einen vergnüglichen Nachmittag gehabt?" "Ja", antwortete Rasmus aufgeregt, "es ist herrlich, nicht ganz allein spielen zu müssen. Kann Talin nicht noch länger bei uns bleiben?" Talin zwinkerte ihm lächelnd zu: "Wir haben doch am Bach darüber gesprochen, dass alle eine Familie haben. Und ich muss zu der meinigen, das lässt sich nicht ändern. Aber du sollst nicht traurig sein. Wir bleiben Freunde und wenn du stark an mich denkst, wirst du merken, dass ich auch in Gedanken bei dir bin und dich nicht mehr alleine fühlen", munterte sie den Jungen auf. "Du scheinst sein ganzes Herz gewonnen zu haben, Talin. Nun kommt rein, wir wollen das Nachtmahl einnehmen und dann uns früh schlafen legen. Wenn du morgen mit Miegor in das Dorf willst, solltet ihr zeitig aufbrechen, auf dass ihr nicht durch die Mittagshitze wandern müsst." Auch diese Mahlzeit war reichhaltig, aber für Talin völlig fremd. Aber alles, was sie bei den Menschen kostete, schmeckte ausgezeichnet und wäre den Menschen ihre Herkunft bekannt, hätte sie gern nach den Zutaten und Zubereitungsarten gefragt, um diese Vielfalt mit in die Heimat zu nehmen. Aber vielleicht ergab sich während der weiteren Reise noch einmal die Gelegenheit, von einem Menschen zu lernen, hoffte Talin. Als der Tisch abgeräumt und die Teller und Tassen gereinigt waren, bereitete Seiga für Talin das Bett in der einen Wandnische und auch Rasmus wurde zum Schlafen in seine Koje gebracht. Seige und Miegor bleiben noch eine Zeitlang im vorderen Raum und unterhielten sich leise, bis auch sie gemeinsam in ihrem Bett sich niederlegten. Die Nacht verbrachte Talin traumlos und ruhig. War zumindest ein Teil ihrer Aufgabe, nämlich das Finden des Menschengeschlechtes, erfüllt. Dem nächsten Morgen blickte sie voller Zuversicht entgegen.

Miegor war es, der Talin sanft und leise weckte. Seiga und Rasmus schliefen noch friedlich, als er sich mit Talin bei Anbruch des Tages auf den Weg machte. Talin hatte darauf bestanden, selbst ihre Truhe zu tragen und er war über ihre Ausdauer, mit der sie Schritt hielt, bald erstaunt. Sie wanderten schweigend durch Wiesen und Felder. Beide gingen den eigenen Gedanken nach. Ungefähr zwei Meilen hatten sie so zurückgelegt, als in der Ferne die ersten Gebäude des Dorfes sichtbar wurden. "Wir werden am besten zuerst die heilkundige Frau fragen, wo du deinen Verwandten suchen könntest", meinte Miegor. Talin nickte zustimmend. Aufgeregt betrachtete sie die Ansammlung von Dächern beim näher kommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie außerhalb des heimischen Waldes und so kannte sie natürlich die Art der Menschen, zusammen zu leben, nur aus Erzählungen der menschlichen Wanderer, die den Wald durchquerten. Miegor schlug einen Bogen und führte sie so m das Dorf herum zu einem etwas abseits stehenden Haus. Kurz vor der Mittagszeit erreichten sie die Tür und er klopfte um Einlass. Eine weißhaarige Alte öffnete die Tür. "Miegor, welch Überraschung! Ich hoffe, bei dir daheim ist keiner krank geworden!" rief sie bei seinem Anblick freundlich aber besorgt. "Nein, Taijana, ich suche diesmal Hilfe ganz anderer Art bei dir. Dieses kleine Mädchen ist nach dem Tod ihrer Eltern auf der Suche nach einem Verwandten. Da sie von diesem jedoch nichts Weiteres weiß, als dass er die Zauberkunst beherrscht, hoffte ich, dass du vielleicht helfen kannst." Taijana musterte Talin aufmerksam. Ein Flackern huschte über ihr Gesicht, das Miegor allerdings nicht zu bemerken schien. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und berührte Talins Wange. Talin fühlte ein Knistern von Energie und wusste sich entdeckt. Aber Taijana schwieg gegenüber Miegor, nickte lediglich zustimmend und erwiderte: "Lass das Kind ruhig bei mir. Ich werde in meinen Karten lesen und sehen, was ich für sie tun kann." So verabschiedete Miegor sich von Talin und wünschte ihr für ihre Suche alles Glück, das sie brauchen werde. Talin wusste, dass sie ihn nicht wieder sehen würde, wusste aber auch, dass eines Tages sein Sohn Rasmus zu ihr in den Wald kommen werde. Und so fühlte sie keine Trauer, als Miegor sie verließ, um im Dorf noch einige Dinge zu erledigen, ehe er den Heimweg antrat.

Als sie mit Taijana allein geblieben war, wandte sich diese Talin zu und sagte: "Menschenskind, soviel kann ich erkennen: Mächtige Magie liegt in deinem Innersten verborgen, mächtiger, als ein Kind sie je zu beherrschen vermöchte. Also sprich, wer bist du und was suchst du wirklich?" Talin zögerte noch kurz, sich zu erkennen zu geben. "Meine Aufgabe ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Ich bitte dich daher, mir die Möglichkeit zu geben, einen Enthüllungszauber zu sprechen, um zu erkennen, ob ich dir vertrauen kann." Taijana lachte: "Einen Enthüllungszauber? Davon habe ich noch nie gehört. Was führst du im Schilde? Allein, ich kann nicht glauben, dass du mir schaden willst. Also tue, was du für nötig hältst. Ich bin immer wissbegierig und der Zauberei mehr zugetan, als es mancher hier im Dorf wissen darf. Du hast sicher bereits Kenntnis von dem großen Krieg erhalten, der das Leben so vieler Menschen kostete. Der uns die Heimat und so manchen Freund genommen hat. Die Zauberei ist nichts für heutige Tage, den keiner will mehr in die guten Mächte vertrauen." "Vom Krieg habe ich gehört. Doch habe ich, da ich keinerlei Fragen stellen durfte, nichts näheres erfahren können, als dass er stattfand, ausgelöst durch zwei mächtige Zauberer und die Menschen und Tiere in Angst, Trauer und Verzweiflung stürzte. Da, wo ich geboren wurde, herrschte bislang immer Einigkeit und Frieden. Einen Krieg habe ich noch nie erlebt. Auch bin ich mit dem Menschengeschlecht bei weitem nicht so vertraut, als dass das bloße Wort mir etwas sagen könnte. Vielleicht, dass du mir eure Geschichte erzählen magst? In der Zwischenzeit wird ersichtlich, ob ich auch die meinige erzählen kann." Und während Taijana anhub zu erzählen, zeichneten die Finger Talins die Beschwörungsformel in die Luft, die Taijanas Aura preisgeben und Talin das wahre Wesen ihres Gegenübers offenbaren würde. "Vor nicht ganz sechs Jahrzehnten lebte unser Volk jenseits der hohen Berge friedlich beieinander und im Wohlstand. Ich selbst war damals noch ein kleines Mädchen. Das Land am Rande der Sümpfe war fruchtbar, wie kein Boden sonst weit und breit. Die Menschen waren einander zugetan. Eifrig ging ein jeder seinem Tagwerk nach. Reger Tauschhandel mit anderen Völkern bescherte uns alles, was wir nicht mit den eigenen Händen erschaffen konnten. Eines Tages aber fiel ein großes Drachenschiff vom Himmel. Es war in einem Sturm beschädigt worden und die Magie allein vermochte nicht mehr, es in den Lüften zu halten. Die Mannschaft war vollzählig bei diesem Unglück ums Leben gekommen und lediglich der Kapitän konnte - wenngleich auch schwer verletzt - aus den Trümmern noch geborgen werden. Mein Vater nahm ihn bei uns auf und pflegte seine Wunden. Es dauerte Wochen, bis der Kapitän fähig war, zu sprechen und seine Geschichte zu erzählen. Dann stellte sich heraus, dass er ein Zauberer aus Ketoang war. Von diesem Ort hatte bei uns bisher allerdings noch niemals jemand etwas gehört. Schenkte man seinen Worten Glauben, so lag die Stadt weit über 15 000 Meilen von der unsrigen entfernt. Da sein Flugschiff aber irreparabel zerstört und unsere Gegend weder Baumaterial noch kundige Handwerksleute zum Bau eines neuen Drachenschiffes herzugeben vermochte, war keine Aussicht für den ketuanischen Zauberer gegeben, seine alte Heimat jemals wieder zu sehen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich nach seiner Genesung in unserer Stadt nieder zu lassen.
Alle Bewohner waren bemüht, seinen Neubeginn so leicht und angenehm als nur möglich zu gestallten. Allein, er schien weder Dankbarkeit zu kennen, noch sich unseren Lebensgewohnheiten anpassen zu wollen. Sein Bestreben nach Herrschaft über das Stadtleben und die Familien überwog. Seine Zaubermacht war sehr groß und so gelang es ihm alsbald, zumindest die Hälfte der Bevölkerung in seinen Bann zu ziehen. Die Menschen wurden habgierig und unzufrieden mit dem, was bisher ihr Leben ausmachte und Freundschaften wurden gebrochen. Sie vernachlässigten ihre bisherigen Geschäfte und zogen stattdessen als Diebesgilde raubend und meuchelnd durch die Strassen. Alles, was sie begehrten, nahmen sie ohne zu zögern und notfalls mit Gewalt. Unsere einst schöne Stadt bot ein Bild des Verbrechens und der Angst. Die Zustände waren unerträglich für alle noch ehrlichen Bürger.

Mein Vater, der städtische Zauberer, erkannte, dass die Stadt so dem Untergang geweiht sein werde. Und da die Macht des fremden Zauberers für all diese Missstände verantwortlich war, sah er es als seine Verpflichtung an, dem Eindringling Einhalt zu gebieten. Vergeblich versuchte er durch Worte und Gebete den Fremden zur guten Seite zu leiten. Und so blieb ihm, der bisher kaum etwas anderes durch Magie bewirkt hatte, als kranke zu heilen und natürliches Unheil, wie Sturm und Dürre abzuwenden, nichts anderes übrig, als sich dem Studium der großen Magie zu widmen. Viele Monde lang bekam ich ihn kaum zu Gesicht. Er studierte still in seinem Turm und verließ diesen nur noch, um das Material für immer neue Beschwörungszauber zu sammeln. Dann aber eines Tages fühlte er sich gerüstet, dem Fremden entgegen zu treten und auf dessen Art die Zustände zu ändern. Keto, wie der Fremde zwischenzeitlich von jedem in der Stadt genannt wurde, wusste von der Vorbereitung meines Vaters und war natürlich in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Seine Macht war ins Unermessliche gestiegen und so standen sich die mächtigsten Zauberer gegenüber, von denen ich jemals sagen hörte. Der Kampf wurde auf einer derart magischen Ebene geführt, dass kein anderer Stadtbewohner ihn zu beeinflussen vermochte. Drei Wochen lang schleuderten sich die Magier Formeln entgegen und Blitze und Feuer waren nur die geringsten Auswirkungen ihres Tuns. Dämonen der finsteren Hölle rangen miteinander, schlangenähnliche Ungeheuer ringelten sich im Todeskampf in den Straßen, ganze Heerscharen insektenartiger Soldaten erschienen aus dem Nichts und vernichteten sich gegenseitig. In der Stadt bleib kein Stein auf dem anderen. Die gesamte Gegend wurde verwüstet im Kampf dieser Wesen und verbrannt vom Feuer der Finsternis. Endlich gelang meinem Vater der letzte große Zauberspruch und vom Himmel herab stieg ein mächtiger Drache, umgeben von einem silbrig schimmernden Panzer, Feuer speiend und Giftströme ausstoßend. Endlich war Ketoa besiegt und vernichtet. Mein Vater aber hatte seine letzte Kraft ausgezehrt. Er starb in der gleichen Nacht, wie Ketoa. Das Land mussten wir Menschen verlassen. Der verbrannte Boden war nicht mehr geeignet, uns zu ernähren und kein Dach mehr vorhanden, uns vor den Wettern zu beschützen. Als Nomadenvolk zogen wir durch die Welt, bis wir uns hier eine neue Heimat erbauten. Viele sind in den großen Kämpfen gestorben. Andere starben während der langen Wanderschaft. Die wenigen, die überlebten wohnen nun hier und versuchen ohne Magie und Zauberei ihr Dasein zu fristen. Wir leben unter den Bedingengen, die die Natur uns bietet. Kein Eingriff fremder Mächte wird mehr geduldet. Ich selbst beschränke mich auf die Anwendungen einfachster Kräuter und Elixiere, um einige Krankheiten zu heilen. Das von meinem Vater erlernte Wissen lasse ich in meinem innersten ruhen, um mich nicht der Unbill der Nachbarn zu stellen."

Taijana schwieg, erschüttert von den Erinnerungen und erschöpft nach dieser langen Erzählung. Talin war ebenfalls erschüttert. Ihr Herz aber war von Freude erfüllt, schien ihr doch Taijanas Aura nur beste Regungen und Gefühle zu offenbaren. Tatsächlich sah sie Taijana umhüllt von einem golden schimmernden Licht in dem sich Farbreflexe buntester Schattierungen umspielten. Taijana selbst schien die Anwesenheit von Talin vergessen zu haben. Ihr Blick war nach innen gekehrt und das Gesicht tränenüberströmt. Sie gedachte ihres Vaters, der verlorenen alten Heimat, den getöteten Freunden und der beschwerlichen Flucht. Talin erkannte, dass es Taijana darüber hinaus aber auch schmerzte, so viele gute Kräfte in sich verschlossen zu halten, ohne die Möglichkeit, diese jemals zu nutzen. Sie war sehr wohl in der Lage, über die Aura den ganzen Umfang dieser magischen Kraft der Frau zu erkennen. Und da das Wesen der Zauberin sich als gut und ehrlich zeigte, konnte sie nun nichts mehr davon abhalten, zu erklären, welche Form der Hilfe und zu welchem Zweck sie diese benötigte.

"Auch ich", brach Talin das Schweigen "habe eine Gesichte zu erzählen. Aber ich schlage vor, dies auf den morgigen Tag zu verschieben. Du scheinst mir zu aufgewühlt und betroffen, als dass du an meinem Schicksal Teil haben könntest. Es tut mir leid, diese Erinnerungen wach gerufen zu haben. Meine Neugier hat dich gequält und ich hoffe, du wirst mir verzeihen." Taijana wischte mit einem Zipfel ihres Rockes die Tränenspuren fort und ein Lächeln huschte über die eben noch gramverzerrten Wangen. "Nein, du hast mich nicht gequält. Es ist gut, einmal das was mein Herz bewegt, ausgesprochen zu haben. Aber sieh, die Sonne ist bereits untergegangen und es wird Zeit, das Nachtmahl zu bereiten." Talin schloss kurz die Augen und gedachte der Heimat. Plötzlich erkannte sie, was den Kälteschauer während ihrer letzten Gedanken an Thesis ausgelöst hatte. Thesis war tot, erlegen der Mordgier der Esper. Talin erschrak ob der Endgültigkeit ihrer Erkenntnis. Wer hatte zwischenzeitlich wohl die Führung übernommen. Gab es überhaupt einen Angehörigen der Wantung, der fähig war, das Volk bis zu ihrer Rückkehr mit der Truhe der Pheliener vor den Espern zu schützen? Oder war bereits alles verloren? Die Angst um die Heimat traf Talin so unvermutet und tief, dass die Welt um sie herum sich zu drehen und zu verschwimmen begann. Schließlich wurde ihr schwarz vor Augen und Talin versank in eine tiefe Ohnmacht. Taijana kümmerte sich sogleich um die Hilflose, doch vermochte sie nicht in deren Dunkelheit einzudringen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als diese auf ihre Schlafstatt zu betten und sie von warmen Decken umhüllt der Genesung entgegen schlummern zu lassen. Neugierig betrachtete Taijana das Gepäck der Besucherin. Sie spürte die Magie, die die Truhe umgab und wünschte, ihr Geheimnis zu lüften. Aber Anstand und Ehrlichkeit verboten ihr, während der Abwesendheit von Talins Geist, dem unbekannten nach zu spüren. So kauerte sie sich in einem Stuhl zusammen und versuchte einzuschlafen.

Im Morgengrauen erwachte Tiajana mit durch die Unbequemlichkeit schmerzenden Gliedern. Leise trat sie leicht hinkend an das Bett, erschrak, als sie entdeckte, dass Talin daraus verschwunden war. Aber die Truhe stand noch auf dem Platz, an dem Talin sie am Vortag abgestellt hatte und so wusste Taijana, dass sie sicherlich bald zu ihr zurückkehren werde. Sie begann beruhigt, das Frühstück zu bereiten und wenig später öffnete sich auch schon die Tür und Talin trat ein. "Taijana, du bist schon auf? Ich hoffe, ich habe dich gestern Abend nicht zu sehr erschreckt, aber in meine Gedanken drang eine schreckliche Nachricht von daheim. Ich habe einige Zutaten nun gesammelt, um einen Rauch zu zaubern, der mir Gewissheit bringen wird." "Ich kann dir helfen, über die Entfernung hinweg zu blicken", entgegnete Taijana, "aber du musst mir dazu zuvor von dir und deiner Heimat erzählen. Mein Blick muss wissen, wohin er sich wenden muss." Und so erzählte Talin während des Frühstückes von den Wantung und ihrer Heimat; sie erzählte vom Eindringen der Esper, von deren Mordgier und auch davon, wie einstmals es schon einmal gelang, die Esper zu besiegen. Auch verschwieg sie nicht, dass ein Menschenzauber das Geheimnis der Pheliener befreien musste, auf dass eine siegreiche Schlacht den Frieden wieder herzustellen vermochte. "Aber nun, da ich weiß, dass Thesis nicht mehr am Leben ist, kommt mir meine ganze Wanderschaft so sinnlos vor. Ich fürchte, keinen der meinen mehr vorzufinden, wenn ich zurückkehre." Taijana schüttelte langsam den Kopf. "Dein Volk kann nicht untergehen, denn du trägst den Anbeginn mit dir. Solange die Truhe geschützt ist, kann dein Volk nicht verlöschen, wie hoch dein persönlicher Verlust auch sein wird. Du bist noch zu jung, um zu begreifen, dass dein Volk unabhängig ist von den Personen, die du liebst. Aber doch trägst du die Weisheit in dir und darum hat Thesis dich erwählt." Taijana schwieg eine zeitlang, ehe sie fortfuhr: "In der letzten Nacht träumte ich heftig. Ich war zurückgereist in meine Vergangenheit und sah all die Menschen, die ich verlor, die mein Volk verlor. Aber ich erwachte wieder und sieh dich um: Trotz all der Verluste, die mein Volk erlitt, ist es doch immer noch ein Volk. Den wenigen überlebenden gelang es, hier eine neue Stadt zu erbauen. Und wenn sie sich auch noch in ihren Anfängen befindet, so wächst sie und breitet sich aus. Kinder werden geboren und zeugen wieder Kinder. Das ist es, was zählt." In Talins Augen stieg während dieser Worte die Furcht. "Du meinst, es könnte den meinigen genauso ergehen wie deinen Leuten? Ein endloses Morden und Sterben und all dieses zählt nicht, wenn genug für einen Neubeginn überleben? Du meinst, dass Thesis mich fortschickte, rechnete er bereits damit, meine Heimkehr nicht zu erleben? Und er schickte mich doch, auf dass die Wantung fortbestehen, sah sein Volk losgelöst von sich und den seinen? Ich kann es nicht glauben! Die Gedanken sind fremd, es sind Gedanken eines Menschen." Talin raffte ihre Sachen zusammen uns stürmte aus der Hütte. Taijana machte keinen Versuch, sie aufzuhalten. Das Mädchen würde zurückkehren, wenn es die Wahrheit gesehen hatte. Taijana war sicher. Und so ging sie ruhig dem normalen Tagwerk nach, wenn sie auch in Gedanken bei Talin weilte, für die sie nun tiefes Mitgefühl empfand.

Talin war ohne nachzudenken vom Haus und dem Dorf fortgelaufen. Sie fand sich, als Wut und Verwirrung gewichen waren, in einem kleinen Wäldchen wieder. Kein Geräusch des Dorfes drang mehr an ihr Ohr und als sie sich umblickte, erkannte sie erleichtert, dass sie völlig alleine war. Sie sammelte einige Äste und entzündete ein kleines Feuer. An diesem kniete sie nieder und begann zu beten. Während des Gebetes verbrannte sie die im Morgengrauen gesammelten Wurzeln und Blätter und bald bildete sich eine dichte Rauchsäule. Als Talins Worte mehr und mehr anschwollen, begann der Rauch sich zu verdichten und formte sich endlich zu einem Gesicht. "Thesis!" brach es aus Talin hervor, "Thesis, es ist also wahr. Du wurdest von Espern getötet. Ach, ich hoffte, es werde nicht gelingen, dich hierher zu bringen und hoffte wider besseres Wissen, dass du noch lebtest." Und in Talins Gedanken bildete sich seine Antwort: "Nein Talin, du kannst dich nicht irren. All mein Wissen gab ich dir mit auf die Reise. Nutze es, mache dir meine Erkenntnis zu Eigen und handele entsprechend. Du bist bereits so weit gekommen. Du hast sogar Taijana gefunden." "Taijana ist ein Mensch und wie alle Menschen nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Sie hat mir einreden wollen" "Nein!" unterbrach Thesis Talins Gedankengang. "Taijana will dir nicht schaden. Ihre Worte sind wahr. Du selbst hast doch ihre Aura gesehen und erkannt, dass keine bösen Mächte sich hinter ihrem Gesicht verbergen. Vertraue ihr, denn die Erfahrung hat sie so manches gelehrt. Sie ist der Zauberer, den du suchtest. Sie ist diejenige, die den Fortbestand der Wantung sichert. Du aber bist es, der die Wantung von nun an führen wird." "Also gibt es noch Hoffnung, sind noch nicht alle Wantung daheim umgekommen!" rief Talin aus. "Unsere Heimat gibt es nicht mehr. Der Wald ist gänzlich in die Hand der Esper gefallen. Keiner der Zurückgebliebenen hat überlebt. Aber vergiß nicht, Talin: Du trägst den Anbeginn unseres Volkes bei dir. Du wirst unser Volk retten, wirst es in eine neue Heimat führen und es wird dort unter die wachsen und sich mehren. Du hast die alte Fabel zu wörtlich verstanden. Die Fabel soll den Zusammenhalt unserer Rassen beschreiben und in unbeschwerten Zeiten jedem einzelnen in Erinnerung halten, wie sehr wir diesen Zusammenhalt benötigen. Talin, die Wahrheit ist manchmal nur schwer zu ertragen. Aber enttäusche mich nicht und sei stark für unser Volk." Ein Windstoß fuhr in die Rauchsäule und das Gesicht verschwand. Talin blieb allein zurück. Trauer umschlang ihr Herz wie ein Band und schnürte es ein. Aber zugleich hatte die Eindringlichkeit der Worte Thesis sie erreicht und ihre Aufgabe lag nun klar vor ihr. Sie würde Thesis nicht enttäuschen, sondern so stark zu sein, zu Ende zu führen, was sie so unwissend begann.

Es wurde bereits dunkel, als Talin Taijanas Hütte erreichte. Taijana erwartete sie bereits und blickte ihr wissend in die Augen. "Ich habe Thesis gesprochen", bebann Talin leise. "Das habe ich mir gedacht." "Du hattest recht mit deiner Vermutung. Es ist meinem Volk nicht besser ergangen, als dem deinen. Nur scheine ich die einzige Überlebende zu sein und nun weiß ich nicht weiter." "Du kannst es nicht wissen. Noch ist Menschenzauber, der dir das Wissen verbirgt. Aber ich werde das meinige tun und den Zauber lösen." Taijana nahm behutsam die Truhe von Talins Schultern. Vorsichtig berührten ihre Hände das alte Holz, ertasteten Seite für Seite und befühlten die rostigen Riegel. Die Augen hielt Taijana geschlossen. Endlich begann sie tonlos die Lippen zu bewegen, verfiel ein wenig später in leisen Singsang, formte wortlos Melodien reinster Schönheit. Plötzlich sprangen die Riegel der Truhe lautlos auf, der Deckel hob sich und ein Licht breitete sich in der Hütte aus von solch farbenschillender Schönheit, wie Talin es noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. In dem Licht aber formten sich Gestalten, erst durchscheinend zart, dann aber mehr und mehr an Körperlichkeit gewinnend. Talin erkannte Taipan, Golliener und Samten und entdeckte auch einige Pheliener unter ihnen. "Es ist unsere Zeit", "Der Schlaf ist vornüber", "Wir wurden erweckt" riefen sie durcheinander. Talin beobachtete das Treiben ungläubig staunend. Taijanas Augen hingegen waren noch immer fest geschlossen.

Endlich löste sich ein Pheliener aus der Gruppe heraus und trat auf Talin zu. Kurz wandte er sich zurück zu den anderen Lichtgestalten und bedeutete ihnen durch eine Geste, ruhig zu sein. Sodann verneigte er sich tief vor Talin. "Du also bist die letzte meines Volkes. Lass mich der erste des deinen sein." Talin war zu verwirrt, um eine Erwiderung zu finden. So neigte auch sie tief ihr Haupt vor dem Pheliener, blieb aber stumm. Taijana öffnete nun die Augen und brach den leisen Gesang ab. "Anfang und Ende sind hier vereint. Was als Ende erschien, wird wieder zum Anfang. Der Kreis ist geschlossen. "Was geht hier vor", fragte Talin nun Taijana. "Was sind dies für Wesen. Sind es die Seelen der Toten, wie wir sie im Rauch beschwören?" "Nein, Talin. Es sind die Urkinder deines Volkes, die ihre Väter in weiser Voraussicht in das Holz der Truhe bannten, auf dass sie zu gegebener Zeit den Fortbestand der Wantung sichern. Viele Jahre schlummerten sie tief in einem zeitlosen Traum. Nun aber habe ich sie geweckt, auf dass ihr gemeinsam für dein Volk eine neue Heimat finden und bevölkern könnt." "Du meinst, diese Gestalten sind lebendig, sind ganz wie wir? Taijana ich fürchte mich!" "Du brauchst keine Furch zu empfinden, nur weil Unbekanntes deinen Weg kreuzt. Vergiss nicht, kein Pheliener-Zauber hat den zeitlosen Schlaf bewirkt, sondern der Zauber eines mächtigen Menschen. Noch kannst du nicht verstehen, aber fürchte dich nicht und erkenne die deinen." Da endlich ergriff Talin die Hand des Phelieners. Noch ungläubig blickte sie auf die schmalen Finger in den ihren. Aber von der Hand ging Wärme aus, wie von jedem anderen lebenden Wesen. Und sie spürte auch das Pulsieren des Blutes, spürte seine Kraft. "Du bist der erste und ich bin die letzte. Wir werden den Kreis schließen, wie es dein Vater vorsah. Ich werde mutig sein und mich würdig erweisen." Aber in Talin blieben viele Fragen unbeantwortet und auch dem Pheliener standen unzählige Fragen in sein Gesicht geschrieben. Er wusste nichts von der jüngeren Geschichte der Wantung, wusste nur, dass sein Volk fast vollzählig untergegangen sein musste, da man ihn nun erweckt hatte. Und Talin verstand nur zu gut seinen Wissensdurst und so ging die Nacht während ihrer langen Erzählung vorüber. Alle lauschten dem leisen Klang ihrer Stimme. Und wenn Talin auch kein Samte war und es ihr somit nicht gelang, die Geschichten in blumige Worte zu kleiden, so wusste sie doch, dass genügend Samten anwesend waren, die die Geschichte für spätere Zeiten bewahren würden. So ließ Talin in ihrer Erzählung nichts aus und bemühte sich, so genau als möglich zu beschreiben. Sie erzählte von ihrer Kindheit, vom Leben im Wald und von den anderen ihres Volkes, die den Espern zum Opfer gefallen waren. Sie beschrieb Personen und Orte so genau, als nur möglich und gelangte erst in der Morgendämmerung zu den neueren Begebenheiten und ihrer Reise. Anschließend aber erzählte einer der Samten von den Tagen, die er selbst noch erlebt hatte, bis zu dem Moment, da ihre Körper als Licht in die Truhe gebannt wurden. Und so ging der Tag vornüber. Am Abend aber zog sich Taijana mit Talin zurück und unterwies diese in der Magie, die den Lichtbann ermöglichte. "Du wirst, wenn ihr eine neue Heimat gefunden habt, die Erstgeborenen für diesen Zauber opfern müssen. Ein Anbeginn darf niemals verloren gehen. Nutze die Weisheit deiner Urahnen. Es wird nun aber Zeit für euch alle, auf die Suche nach der neuen Heimat zu gehen. Meine besten Wünsche sende ich mit auf den Weg, auf dass ihr einen Wald findet, der euch Freiheit und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens bietet." Mit diesen Worten nahm Taijana Abschied von Talin und die kleine Gruppe machte sich leise in der Dunkelheit, von keinem anderen Dorbewohner beobachtet, davon, um einen Wald als neues Zuhause zu finden.

 

 

 

 

 

 

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