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Brief an Anna

 

Es war ... ? einmal ... ?
es war einmal August in einem Jahr!

Meine liebste Anna,

manchmal, da habe ich ein wenig Angst um Dich gehabt, mein Kügelchen. Es zorten Zorneswolken hier und dort, und Du nicht drin? Du warst doch immer mittendrin, mein stilles ... ?!?
mein Liebstes.

Ich war jetzt dort, ich nahm Dich mit und sehnte nichts und alles um so mehr? - ich werde es Dir niederschreiben, es tiefer niederschreiben?

Noch tiefer - ...
noch - s-o - viel tiefer hoffe ich, als einst.

Es lag ein Meer vor diesem Haus, da wohnte eine wundersame Pflanze; sie wohnte an dem Ufer,
am Ufer von dem Meer; da wohnte und da blühte sie - wann immer Ebbe kam. Ich stand vor ihr und sah sie an;
sie sah mich nicht, und blühte nur für Dich! Und blühte aus dem Stein und Salz, an diesem Ufer ohne Sand.

Ein Berg lag ihr zur Gipfelstürmerei bereit: Da kam die Flut. Ich tauchte nicht, ich atmete und nahm den Aufweg. Ich nahm den Bergweg steil hinauf und sah die toten Bäume:
sah ganz genau ihr Recken in den Himmel; ich roch noch Salz und Tang?

Da nahm ich wohl den Bergweg. ... Ganz so wie?

Wir stiegen ihn hinauf, wir stiegen dort ins Gelb. Ins Lila stiegen wir (!) - ich keuchte? Und Bäume reckten sich ganz kahl - in einen grauen Himmel. Das Grün, das war dort nicht! - !
___

Meine Anna: Ich habe Dir einst versprochen, wir gingen dorthin und nun wollte ich Dir einfach nur aufschreiben, dass ich da war und ganz - wirklich oft gedacht habe, wie es gewesen wäre, dort mir Dir zu stehen - und zu hören, wie Du lachst. Ich bin mal ehrlich, mein Kleines, ich glaube nicht (?) (!)
...
dass Du noch lebst.

Auf dem Hochmoor wandert man, und schaut die lila Weite. So gar nicht grün, so gar nicht
grün?

Du solltest niemals mehr ein Lila sehn! Und dort war alles voll davon und manchmal war es gelb. Darin im Lilagrün, da floss ein Bach. Da habe ich die Hand gekühlt, das Blut verspült in Irland nun; da gehen wir einst wieder hin? Wir gehen wieder hin!
Anna, Kügel-Liebste: Ich war jetzt da, ich habe alles aufgemalt, auf winzig kleine Blätter. So wie Du Blätter magst, so ganz in wirr und bunt und doch
-
und doch ganz kühl. Wie dieser Bach auf einem Hochmoor dort im Land; im Land der tausend Steine.
Ich denke an Dich

Anna-mein
noch immer bin ich Nina

P(ssst)S: (Und sage niemals einem Menschen von dem Mond, der dort am Meer, am Sandlos-Strand nur Deinen Namen flüstert.)

 

 

 

Brief an V.

 

Liebster V.,

nun sind wieder einige Wochen im Niemandsland vergangen und die wilden Erdbeeren blühen. Wahrscheinlich weißt Du nicht, dass ihre Blüten nur hellblaue Schatten werfen, wenn Mittagsluft windet? Jedenfalls erzählte ich den zaghaften Stauden von Deiner Nicht-Wiederkehr und sie waren betrübt; sie wissen ja, dass ich niemals Erdbeeren pflücke, wenn nicht Du sie isst.

Vor einigen Tagen noch roch es nach Schnee, und der erwartete Flockenwirbel vermochte mich zu erinnern, wie man mit Dir tanzt; so schlug ich eine neue Kerbe ins Holz unserer Eiche und ermahnte mich, sie alle demnächst mal zu zählen. Aber nun wird es Frühling und da wird Zeit zu knapp, um sich mit Gestrigkeiten zu beschäftigen – manchmal jedenfalls glaube ich, dass es das war, was Du mich lehren wolltest, als Du vergessen hast, uns zu erinnern. Natürlich hast Du nicht Wesentliches vergessen und es wäre Unsinn, darüber nachzudenken, ob Dein Wesentliches auch meines geworden wäre, über die Jahre, die nicht vergingen. Schau, Zeit ist knapp und manchmal misst man die Einheiten entgegen sich selbst. Du aber, Du solltest Dir die Eiche einmal ansehen, zumindest die Rinde mit den Fingern berühren, um den Harz zu spüren, der dort rann - wie früher wohl Tränen; als Du noch weintest. Warum nur, fragte ich oft in die Stille, hast Du nie bedacht, dass auch ich weinen könnte?

Seit also keine Eisblumen mehr an den Fenstern wachsen, versuche ich die Plätze aufzuspüren, an denen die wilden Erdbeeren wachsen. Liebster, V., Ich habe die letzte Nadel aus dem Heu geklaubt, nur ist hier das Niemandsland, hast Du gesagt, und darum macht das wahrscheinlich keinen Sinn. Vielleicht findest Du auch, dass Nadeln nur schön sind, solange sie sich tief verbergen?

Ich jedenfalls versuche, dem Niemandsland zu sagen, dass es lebenswert ist, hier – nur glaubt mir das kein Sandkorn. Du hast mich schließlich auch immer ausgelacht, wenn ich mal log. Also ende ich mit einer Wahrheit: Wärst Du nicht da gewesen, V., dann blühten wahrscheinlich auch nicht die wilden Erdbeeren; wie sollte ich also undankbar sein? Und im Sommer, wenn der wilde Klatschmohn blühen wird, dann schreib ich Dir wieder.

Nina 

 

 

 

Am Ende steht keins

 

Am Ende steht keines, auch wenn du davon schreibst wie etwas zuende geht, und das mehrmals. Auf was lässt du mich da hoffen? Dass ich über die Wolken in die Quelle deiner Heimat regne und du heimlich an mir nippst? Dass ich waghalsig über die Dachfirste klettere bis in dein Zimmer und mit dem Mondlicht in deine Träume husche, von denen du sagst, du wärest ein einziges Mal nur süchtig nach ihnen gewesen? Du lässt nichts vergehen, nur weil es an die Vergänglichkeit rührt, das weiß ich zu gut. Du lässt es in Händen und lässt aus der Traurigkeit neue Triebe sprießen, die vielleicht höher, vielleicht weiter reichen mögen als die letzten. Vielleicht weit genug, um das Licht zu sehen, das sich unter den Laubdächern verbirgt, die irgendein wahnsinniger Zimmerer über den Horizont spannte, nur um zu sehen, was darunter noch bestehen kann. Ich konnte es nicht. Zweimal habe ich es versucht. Und jedes Mal bin ich tausendmal gescheitert.

Du hast die Saiten aus der Harfe der Liebe genommen, vielleicht auch sind sie einfach gerissen - vielleicht hast du zu oft auf ihr gespielt oder ich die Klänge missverstanden oder ich die Töne nicht ertragen können, weil sie mein Herz zerreißen, das sich in der Weite zwischen uns unerträglich spannte, oder du zu laut oder du zu schnell gespielt als dass ich die Ruhe in dir finde, während deine Hand über sie streicht. Mich hast du damit berührt. Meine Gefühle zum Tanzen gebracht. Meine Stille sternfunkenspührend zerschellen lassen. Meine Haut ist, noch heute, an manchen Stellen gerötet, meine Lippen brennen, weil du jeden einzelnen Akkord wie Küsse auf sie geschlagen hast ohne nur einmal aufzusehen und zu achten, wie viele Berührungen ich erleiden kann, die du ohne Nähe auf mich hämmerst.

Aber du spannst jetzt neue Saiten und blätterst weiter in den Notenbüchern, deren Lieder du spielst als stünden sie tatsächlich dort, wo nur schwarze, leere Linien auf einem unbeschriebenen Weiß stehen. Ich dachte immer, du liest ab, weil du immer so merkwürdig dabei gelächelt hast. Vielleicht ist es auch egal, ob sie nur in deinem Kopf geschrieben oder ob sie überhaupt nur in meinem Kopf klingen; so wie ich sie mir denke. Vielleicht hast du nie gespielt und ich nie gelauscht, sondern wir nur, die ganze Zeit über, still nebeneinander gesessen, die Lippen zu einem Lächeln bewegt, und Blicke getauscht, weil wir nichts zu sagen wussten oder nichts ein sinnvolles Wort gewesen wäre, um "Ich liebe dich" zu sagen. Vielleicht hast du die Bedeutung der Farben immer besser verstanden als ich und ich nie gewusst, welches Lila du meintest. Ich war blind auf einem Auge, ich sah Dunkelheit, dort wo du deine Farben aufgetragen hast, aber ich dachte ich sehe und wollte nicht sehen, eben weil ich es für echt hielt und ich dachte, es wäre das Bild, das du mir gewünscht hast. "Sieh hin", sagtest du. Ich konnte nicht glauben, was ich sehe: Ich sah, tiefer als ich je vermutet hätte, deine Seele, die lauernd schlängelnde Kreise um meine Fassung zog und meine Realität mit sich riss. Ich glaube, ich irrte mich darin. Es war deine Anziehungskraft, die mich nicht loslassen durfte, weil ich mich versehen hatte.

Siehst du, es war nur mein Makel, der mich von dir stieß, ich war es, der sich von dir forttreiben ließ, ohne dir einen Brief zu hinterlassen. Wahrscheinlich hast du nur still dagesessen und fassungslos und verletzt in die Leere gestarrt, meinen Stift unbewusst zwischen den Finger drehend, ohne mich in den fallenden Tintentropfen wiederzuerkennen; deine Augen wanderten zu unseren gemeinsamen Wunden, dorthin, wovon meine Blicke verschwunden waren und nur noch ein ausgebranntes, verfluchtes Nichts zurückließen.

Einmal wollte ich noch deine Melodie hören. Einmal noch. Ich ging einmal bis an deine Tür und hatte meine Hand erhoben. Aber ich klopfte nicht an und wenn du mich jetzt fragst warum ich zögerte oder warum ich überhaupt gekommen war, kann ich dir nur sagen, warum ich keine Antwort darauf habe: Einmal wollte ich vergessen, dass ich es war, der die Saiten von deiner Harfe nahm. Einmal wollte ich es sein, zu dem du zurückkehren musstest. Du sagtest: "Lass uns Geschichten erzählen". Was soll ich dir jetzt sagen? Ich hätte mich nicht bemüht, sie aufzuschreiben, um zu sehen, dass sie geschrieben sind? Ich sehe jetzt das wüste Gekritzel und frage mich, wann ich jemals dieses Chaos mehr geliebt habe? Egal, wie viel davon Geschichte ist, egal wie viel davon echt ist, egal wie viel davon ich mit dem einen oder das eine mit dem anderen vertausche. Ich wollte dir sagen: "Ich habe deine Geschichten geliebt. Ich habe mich an ihnen verzehrt. Ich habe - Mal für Mal - mein Herz dazu bemüht, wegzuhören. Ich konnte es nicht mehr, weil ich sie so sehr liebte, und als ich es nicht mehr konnte und sie über alles und als einzigstes liebte und der Schmerz mich so sehr quälte, dass ich keinen Gedanken ohne dich mehr schreien konnte, fuhren meine Hände blitzschnell zwischen die Saiten und durchtrennten sie. Es war zu viel Zauber, verstehst du? Ich hatte Angst, mich in deine Geschichten zu verlieben..." Du hättest jetzt vielleicht genickt, wenn du bei mir gesessen wärst. Aber du bist nicht hier. Sondern so fern, dass ich alle meine Sinne nach dir ausstrecken muss und noch nicht einmal deine Verachtung spüre, die ich über mich verhängt habe.

Meine Hand liegt auf meinem Bauch. Mein Blick hat sich vor mir in einem Bild verfangen. Ich sehe dich, und meine, ich hätte Hunger bekommen. Nach einer gemeinsamen Zeit, die so lange vergessen war, dass ich manchmal glaubte, sie hätte kaum existiert. Vielleicht hast du einen Moment übrig, der meine Betäubung löst und dir die Achtung zurückgibt, die ich dir genommen habe. Erst dann - kann ich wieder satt sein, den Stift aus deiner zitternden Hand nehmen, bebend einen letzten Brief aufsetzen und den Umschlag, in den ich ihn behutsam hineinlege, mit deinem Namen versehen...

 

 

Der Brief

 

Hätt ich es wirklich schreiben sollen?
Den Brief betrachte und erschaure.
Ich habe Dich nicht kränken wollen!
Ich schrieb es auf, und ich bedaure!
Und hab den Umschlag zugemacht.

Du wolltest mir doch etwas schenken?
Und lässig eine Marke klebe;
Wie anders als so könnt ich denken?
Und mich mit deinen Augen sehe!
Den Brief hab ich zur Post gebracht!

Ich warte drauf, dass Du ihn liest?
Ach wenn er doch verloren ging!
Wenn Du beim Lesen wirklich siehst,
wie böse ich letztendlich bin?
Ob dieser wunderschönen Nacht!

 

 

Päckchen

 

Dies Päckchen hab ich letzte Nacht
mal wieder auf und zugemacht,
tu Dinge rein, die Dir gehören,
die hier doch nur mein Leben stören
und angstvoll pack ich wieder aus:
Ihr Fehlen halt ich noch nicht aus!
Verzeih!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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