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Piano final 3

 

Stolz kräuselt sich die Erinnerung: Zeiten sparten sich glorreich in Ritzen, die der Sonne entbehrten. Eigentlich wollte ich nichts mehr sagen und dann liegt da dieses letzte leere weiße Blatt. Ich mag Weißheiten nicht besonders und ich sauge sie auf. Wünschen war früher und heute ist nur Graffiti an Wänden noch bunt. Erfüllen werden sich beide nicht.

Man muss Dinge nicht glauben oder wünschen, nur sie zuzulassen ist wichtig, wollte mir damals scheinen. Trotzdem fürchtete ich mich und wenn ich mich fürchte, geht mein Atem ganz flach. Vorbei ging das erst wieder, wenn er spielte oder schrieb oder sprach.

Seiner Musik zu lauschen, ist wie ein langer Tag am Meer und damit mein ich die Nordsee im Winter. Wenn der Wind auf der Haut brennt und die Brandung manchmal Eisschollen an Land trägt; wenn die Sonne heller erscheint, weil ihre Strahlen so selten die fliehenden Wolken durchbrechen; dann eben wird der Horizont zu weit, um zu weinen, oder einsam zu sein. Letztendlich ist man’s und doch wieder nicht – nicht jedenfalls, wenn er spielt.

Auch der Winter geht vorbei, wenn er spielt und in manchen Passagen brechen Blätter aus Knospen und Halme zwischen Steinen hervor; manchmal erzählen die Notenfolgen von vergangenen Tagen - von solchen, bei denen es im nachhinein gut ist, sie erlebt zu haben, trotzdem sie schmerzlich waren, und von solchen, die auch damals schon schön waren.

Nur spielt er nicht mehr – jetzt nicht mehr.

Ich mag keine Achten und ich habe silbernes Glitzern längst aus meinem Augenaufschlag verbannt. „Ich bin ein ernsthafter Mensch“, sagte mal einer in einem Buch. Ernst war ich nie, und kann darum wahrscheinlich nicht laufen. Das Buch jedenfalls liegt bei Mum in der Handtasche und ein anderer liest manchmal daraus noch vor und dann denk ich an eine Postkarte aus Paris; ich habe sie noch und irgendwann schaue ich sie bestimmt wieder an; dann nämlich, wenn mich Mut mal groß macht, oder halt klein – je nachdem, was das Leben noch bringt.

Da fällt mir ganz spät noch etwas ein: Es ist Zeit, endlich zu schweigen. „psst“ flüstert es aus der Erinnerung: „Psst“! Meine Erinnerungen: Das Gras und das Flirren der Luft, das mich in einem anderen Sommer lockt. Ich packe meinen Koffer und nehme sie mit: Seine Musik und ein Bild von einem Fenster, dessen Ausblick eine Jalousie fast versperrt; ein Gedicht über Gerechtigkeit und Mut; das Wissen, wie rein das Herz eines Kindes sein kann nehme ich mit und für einen alten Weggefährten „Sunny Side Of The Street“; ich nehm noch das Photo von dem Grabstein in die Hand, auf dem ein Schmetterling sitzt. Dann weiß ich, dass das Gepäck jetzt schon zu schwer ist und dass es nichts bergen wird, als Erinnerungen: Sie kräuseln sich stolz und dann werfe ich sie zum aussortierten Ballast am Boden. Unbeschwert sollte man Wüsten durchqueren können, oder?

Dann ist es Zeit: topic closed.

 

 

 

 

 

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