Die Mauern von Jemen

 

 

Wir sitzen auf einer der niedrigen Feldsteinmauern, die schnurgerade parallel durch die Landschaft verlaufen. Das Gras ringsum ist struppig und riecht nach Sommer. Grün, braun und rot vermischt es sich in der Ferne mit den grauen Steinen, als wären Wellen in die Landschaft gegossen. Moosteiche und Kleeflecken sammeln sich in den Ritzen, jeden Raum nutzend. Am Himmel verwehen schnell ein paar weiße Wolken lautlos ins blau. "Wozu diese Mauern?", frag ich, weil mich der Anblick immer wieder verwundert. Seine Antwort treibt träge über die Halme und ich verstehe nur jedes sechste Wort. "Erkläre es mir bitte auf Deutsch", unterbreche ich ihn beinah böse. Da lacht er und zieht mich sanft auf den warmen Boden. Ein Kuß, etwas Himmel und Gras in den Haaren zwischen Grillen und schwirrenden Mücken.

Später, als wir Richtung Stadt gehen, frage ich noch mal. "Sie gehören her, so wie ich und jetzt Du", meint er da. Mehr will er nicht sagen. Ich bleibe stehen, drehe mich noch mal um und blicke die Weite. Die Wellen verlieren sich am Horizont und Dämmerung fängt sich in den Schatten. Karg streckt sich der Boden baumlos in der Ferne. "Am Meer...", sage ich, doch da zieht er mich weiter.

Als wir den Asphalt der Stadt unter den Füßen spüren, fügt sich Abgasgeruch in die Luft. Er geht so schnell, dass ich beinahe laufen muß, um Schritt zu halten. Die grauen Häuserfronten schmiegen sich eng aneinander. Küchendunst preßt sich durch die Fliegengitter der Fenster und verwirbelt zwischen den Autos. An einer Bushaltestelle steht kopftuchgeschützt diese Frau im weißen Staubmantel. Wir hasten vorbei und sie starrt auf meine Hand in der seinen. Endlich bleibt er dann stehen, reißt die Tür einer Gaststube auf und schubst mich fast unwirsch hinein.

Wir essen Gulasch mit viel Paprika und wenig Fleisch. Die Kartoffeln schmecken nach Gras und haben grüne Flecken. "Ich gehöre gar nicht her", sag ich da und er nickt. "Aber vorhin war's anders", meint er und da nicke auch ich.

Nachts ist das kleine Zimmer wie immer zu warm. Eng aneinander gedrängt liegen wir auf dem schmalen Bett und starren durch das offene Fenster. "Dein Geruch", murmel ich und rücke noch ein wenig dichter an ihn. "Dein Mund" lächelt er in der Dunkelheit und streift meine Lippen.

 

 

Eine Busfahrt

 

 

Wo er aufgewachsen ist, will er mir zeigen. Also packen wir all unsere Sachen zusammen und nehmen einen Morgen den Bus. An der Haltestelle ist außer uns nur die Frau mit den Hühnern. Ihr fehlen zwei Zähne, die Falten sind tief. Als er seinen Arm um mich legt, dreht sie sich schnell weg. Das bringt die Hühner zum gackern, die an den Füßen zusammen gebunden kopfüber auf ihrem Rücken baumeln. Missmutig lehne ich an ihm und spüre die stickige Wärme.

Eine Staubwolke schiebt sich über den Horizont. Dröhnend poltert der Bus heran. Unruhig schaue ich auf die altmodischen runden Scheinwerfer. Auf dem Dach des Buses türmt sich Gepäck, mit losen Seilen zusammengezurrt. Auf der Kühlerhaube prangt eine Fahne – schwarz-weiß-rot schimmert es noch durch den Straßendreck, als der Fetzen sich knatternd im Wind reckt. Die schwarze Schrift an der Seite des Busses kann ich nicht lesen. „Wir fahren mit Gott“, übersetzt er mir da. „Ich fahre mit Dir“, antworte ich und suche so meinen Halt.

Ich habe noch nie Reifen gesehen, die gar kein Profil haben. Diesen fehlt jede Rille. Blank glänzt Gummi in der Sonne mich an. „Wozu auch“, meint er, „denn hier regnet es nie“. Als zischend die Bustür sich öffnet, strömt Marktplatz Geruch zu mir rüber. Muskatnuss überlagert dann doch noch die Vielfalt. Dicht gedrängt stehen und sitzen die Menschen. Doch man hört nur die Hühner sich kraftlos beklagen. Er klemmt unsere Rucksäcke zwischen die Beine und legt schwer sein Kinn auf meine Schulter. Dann flüstert er, „gleich kommen die Berge“ und ich spüre die Hitze.

Später türmt es sich grau um uns rum. Kein Gras mehr, während bisher doch nur Bäume fehlten. Die Strasse ist eigentlich keine und so schlingern wir in der Mittagssonne bergauf. Unser Spiel geht darum, wer in seiner Sprache mehr Synonyme für Stein finden kann. Als er sich plötzlich in einem Wortstrom gefangen findet, kann ich nicht folgen. „Wenn es wichtig ist, sag es auf Deutsch“, fahre ich ihn da an. „Wenn es wichtig wird?“ Er zieht mich an sich. „Konat“, haucht er in mein Ohr und ich antworte schnell mit „Felsmassiv“.

„Da“, sagt er, und zeigt aus dem staubigen Fenster. An die Felsen pressen sich die ersten Häuser der Stadt. Freistehend auf dem Gipfel türmen sich weitere Fassaden in den blassblauen Himmel. „Jemen?“, frage ich. „Jemen, so wie es ist.“, sagt er leise. Dann kauft er der Frau ein Huhn ab, bevor wir ganz da sind.

Als der Bus hält, wird es laut. Zwei Jungen klettern auf das Dach, lösen die Seile und werfen Gepäck. Wer was fängt, reicht es weiter. Er zieht mich schnell fort. „Das musst Du nicht alles sehen“, meint er und ich überlege, was er damit wohl meint. Zwischen den Häusern staut sich die Wärme. „Nicht so schnell“, bitte ich ihn und knapp darauf er: „Wir gehen erst zu Dêmech.“

 

 

Das Kind an der Strasse

 


Wir sind in der Stadt; meiner ersten Bergstadt in Jemen. Die Häuser sind weiß oder grau, irgendwie so dazwischen. Sie sind auch sehr schlicht mit den feinsinnigen Ausbauten. Ich will stehen bleiben und mich umsehen, aber er zieht mich weiter. „Da vorn ist ein Markt“ lamentiere ich tonlos und stolpere hinter ihm her.

Noch immer geht es bergauf vorbei an dem Eingang der Kirche. Da predigt ein Bettler und heischt um Geduld und ich verstehe wieder kein Wort. „Wir sind auf der Erde der Sünde“, übersetzt er mir kurz. „Warum willst Du das wissen“, fragt er mich dann ganz erstaunt. „Übersetze noch mehr“, antworte ich und schaue ihm tief in die Augen. „Das ist der Satan, erkennt seine Stacheln und legt seine Knochen in Säure“, leiert er schulterzuckend. „Künstler sind überall gleich“, fällt mir dazu nur ein. Da streift kurz sein Kuss meine Lippen. "Wie gut, dass Dich hier niemand versteht."

Die Strassen sind eng und es tummeln sich Esel und Karren. Ein Junge zieht eine dieser Karren vorbei. Darauf liegt weiß ein Toter zwischen buntesten Blüten. „Woher kommen Blumen, wenn hier alles im Staub versinkt“, frage ich leise. „Die Blumen“, sagt er und dann schwillt wieder seine Sprache im Strom. „Ich frag nicht mehr“, sage ich störrisch, da fasst er mein Kinn und sieht mir ganz tief in die Augen. „Du gehörst doch hierher“, meint er und der Knoten in meiner Brust tut grad weh.

Dann türmt sich der letzte Bau auf der Spitze des Berges. Rechts und links vom Berg ragt er noch über und ich bin fasziniert: Frei schwebt dieses Haus auf dem Gipfel. Treppen führen zum Eingang und ich überlege, ob die Städte immer so gebaut sind, in den Bergen. Die Kleine, die auf den Stufen sitzt, sieht mich kurz an. Dann packt sie das neben ihr liegende Wäschebündel und verschwindet in einer Seitengasse. „Dêmech wohnt hier“, sagt er harsch. Ich blicke ein letztes Mal auf die Steinstufen, dann hasten wir hoch. „Dêmech“, denke ich bitter.

Dêmech ist nicht da und da meint er, wir könnten etwas essen. Dann füllt sich das Haus schon mit Gästen und ich fühle mich wieder fremd. Das Essen hat Madusch gekocht und es schmeckt wirklich gut. Sie reden und scherzen, ich versuche vergelblich zu folgen. Als wir später im Bett beisammen liegen, hält er mich fest in den Armen. „Hole tief Luft und beginne zu riechen“, sagt er kurz. „Und wenn ich nicht will?“, frage ich. Da zieht er mich an sich: „Du Närrin“.

 

 

Tagesanbruch im Jemen

 


Die bald aufgehende Sonne steht noch hinter dem Horizont, doch taucht sie den Himmel bereits jetzt in ein kräftiges Orange. Ich genieße den Ausblick von meinem Felssitz aus und lasse mich treiben. Unter mir klammern sich vereinzelt noch Häuser an den schroff abfallenden Hang, Lichter leuchten aus den kleinen Festeröffnungen und malen Punkte in die schwindende Nacht. Weiter unten schmiegen sich terassenartig die ersten Anpflanzungen ins Bild. Der orangefarbene Widerschein überzieht die kissenartigen Felder mit grau. Langsam steigt erröteter Nebel aus dem Tal auf. Salbei- und Grasgerüche verdrängen die Kälte. Aus der Stadt dringt gedämpft der Ruf der Muezine zu mir herüber.

Seit wir bei Dêmech sind, ist plötzlich die Religion zum Thema bei uns geworden. Es ist jetzt die Zeit des "Sobh", dem Gebet der Morgendämmerung. Die Familie findet sich täglich in der Frühe zusammen und Dêmech spricht die Worte. Er steigert sich zum Tahiyyat kurz vor dem Moment, in dem die Sonne tatsächlich erscheint. Er richtet seinen Tagesablauf jetzt nach Dêmech und sähe mich gerne hinten im Raum bei den Frauen kauern. "Das kommt für mich gar nicht in Frage", funkelte ich erbost, als er es endlich zur Sprache brachte. "Du störst die Familie" war seine Antwort und traurig den Kopf schüttelnd ließ er mich stehen. "Wir haben nie gebetet!" schleuderte ich ihm noch wütend hinterher. Talibah sah mich erschrocken an. Ein missbilligender Satz von ihr und dann zog sie die Kinder mit sich in die Küche.

Nunmehr im Sonnenlicht zeichnen sich die Einzelheiten der Landschaft ab. Vor mir liegt gewundenen die Straße, die sich vom Tal in die hohen zerklüftete Berge zieht. Die Terassen-Felder, viele davon mit Quat-Bäumen bepflanzt, wölben sich vom Nebel befreit dunkelgrün. Die blattlosen Bäume mit den rosa Blüten sind Flaschenbäume, hat er mir vor einigen Tagen erklärt. Auch Bananenstauden wachsen im Tal. Weit entfernt entdecke ich einen Ochsen, vor einen Pflug gespannt und von einem Jungen geführt. Braun krümmt sich der Boden hinter ihm auf. Es wird Zeit mich auf den Rückweg zu machen. Das kurze Stück bis zur gemauerten Steintreppe ist steil, doch kenne ich inzwischen die Halt gebenden Felsen. Die Treppe wird kaum noch benutzt und lange Grasbüschel zwingen sich durch die Steine. Die Sonne steht mir schon warm im Rücken, als ich die hohen, grob behauenen Stufen erklimme. Gelb schimmert die sonst graue Stadtmauer in ihrem Licht.

In den Gassen herrscht wieder reger Betrieb. Ich schlängel mich vorbei an den verschleierten Frauen mit Körben voll Obst und Gewürzen, den flatternden Hühnern und streunenden Hunden. Auch bei Dêmech ist es hektisch und laut. Die älteren sitzen besammen und Frühstücken, die Kinder toben schreiend umher. "Schenk mir Tee ein" sagt er zur Begrüßung und wendet sich wieder zu Dêmech. Ich nehme mir selbst auch ein Glas und tunke das Fladenbrot ein. Als Asif plötzlich laut aufweint, drückt mir Talibah die kleine Hutun in die Arme, um sich um ihn zu kümmern. Hutun reißt wie immer wild an meinen Haaren und lacht. Leise erzähle ich ihr beruhigend von den Bildern des Morgens. "Sprich kein Deutsch mit ihr", herrscht er mich da an. Talibah und Dêmech wechseln ebenfalls aufgeregt ein paar Worte, dann greift sie Hutun von meinem Schoß und bringt sie nach oben. Da er seine Unterhaltung mit Dêmech fortsetzt, weiß ich, dass es keinen Sinn macht, jetzt etwas zu sagen. „Vielleicht heute Nachmittag“ murre ich in seine Richtung und verlasse wieder das Haus.

 

Feuerwerksstunden

 


Wenn es still geworden ist, steigen die Bilder auf und malen sich neu. Die Farben zerfallen in Nuancen von Wahrheit und Wollen. Ich sitze am Hang mit geschlossenen Augen, versuche mich einzulassen darauf an diesem Nachmittag. Heiß prallt die Sonne auf meine Lider, als wolle sie die Gedanken noch halten. Doch dann überstürzt sich alles. Aufgeschreckt vom Lärm schlage ich die Augen auf. Menschen strömen schreiend aus dem Stadttor, stoßen sich gegenseitig die schmalen Stufen hinunter ins Tal. Plötzlich steht Deméch vor mir, gestikuliert erst wild mit den Armen und reißt mich dann hoch. Nun höre auch ich die Schüsse. "Wo ist er?" höre ich mich mit schriller Stimme fragen. Auch Deméch stößt atemlos Worte aus, greift ungeduldig meinen Arm und zerrt mich mit fort. In der Hektik stolpere ich über eine Stufe und kann mich nicht halten. Der Sturz bringt mich ein wenig zur Besinnung, doch verstärkt sich die Furcht. Wieder will Deméch mich hoch reißen Dann fällt sein Blick auf mein Bein. Sein Gesicht verzieht sich. Ich folge mit den Augen und sehe nun auch den geborstenen Knochen aus der Haut aufragen. Erst da setzt der Schmerz ein. Höher steigt die Panik in mir, alles scheint lauter zu werden.

Dass Deméch mich einfach über seine Schulter warf und weiter stürmte, merke ich erst, als er mich unten am Hang wieder fallen lässt. Talibah und die Kinder sind dort versammelt - er fehlt. Talibah wird blaß, als sie mich ansieht. Dann aber handelt sie schnell. Hutun drückt sie Madusch in die Arme und beginnt breite Streifen aus ihrem Rock zu reißen. Damit umwickelt sie mein Bein. Dem lauten Wortwechsel zwischen ihr und Deméch kann ich wieder nicht folgen, doch tut mir die Fürsorge wohl. In einem ruhigeren Moment frage ich wieder nach ihm. Deméch holt aus, als wollte er mich schlagen. Da bin ich dann still. Nachdem ich notdürftig verbunden sind, hebt Deméch mich wieder auf die Schulter. Die Flucht geht weiter, wenngleich er nun auch ruhiger voranschreitet. Wir scheinen die letzte Familie in der Ebene zu sein und nur entfernt hören wir noch die Schüsse aus der Stadt.

Ich muß irgendwann ohnmächtig geworden sein. Als ich erwache finde ich mich auf einem kleinen Feldbett wieder. Der mich umgebende Raum wird nur durch ein winziges Fenster mäßig erhellt. Eine Welle von Schmerz fährt durch mein Bein, als ich versuche, mich etwas aufzurichten. Die Stoffetzen sind blutdurchtränkt. Mich umsehend stelle ich fest, dass ich allein bin, doch traue ich mich nicht zu rufen. Im Dämmerlicht kann ich ein weiteres Feldbett ausmachen, ansonsten scheint der Raum leer zu sein. Ich lausche hinaus und höre ihre Stimmen. Plötzlich schwingt die Holztür auf. Deméch steht im Rahmen und mustert mich mit seinem kältesten Blick. Als er merkt, dass ich wach bin, tritt er langsam näher. Dann dreht er sich um und ruft etwas durch die Tür. Müde lässt er sich auf das zweite Feldbett fallen, dreht sich um und scheint einzuschlafen. Inzwischen huscht Madusch in den Raum, einen Reisteller in Händen halten. Sie drängt mich zu essen und summt eine leise Melodie. Doch ich bin zu verzweifelt. Er scheint immer noch nicht da zu sein.

Stunden später, so scheint es mir, kommt Deméch wieder ruckartig hoch. Er verschwindet kurz wortlos. Als er wieder da ist, hebt er mich auf und trägt mich nach draußen. Ein Leiterwagen steht vor der Tür mit Decken. Darauf setzt er mich ab. Dann tritt er nach vorne zum Esel und wir rumpeln fort.

Ich blicke mich um - ein einzelnes schmutziges Haus inmitten von nichts. In der Ferne sehe ich noch die Berge liegen und vermisse ihn schmerzlich. Die staubige Straße führt uns schließlich dann doch zu einer größeren Stadt. Vor einem hohen Gebäude bindet Deméch den Esel an, murmelt mir ein paar Worte zu und verschwindet hinter dem Eisentor. Als er wiederkommt ist ein weiterer Mann bei ihm. "Hier Krankenhaus", bringt dieser gebrochen hervor. Der Satz bringt mir endlich die Tränen. Deméch schaut böse auf mich herab, zerrt mich wieder auf seine Schulter und trägt mich hinein. Dann verschwindet er wortlos.

 

Krankenhausstunden – oder wie man lernt

 


Ich werde von einer Schwester in den OP geschoben und gleich operiert. Aus der Narkose erwacht finde ich mich in einem grossen Saal voller Betten wieder. Blutgeruch mischt sich mit Sterilisaten und mir wird sofort schlecht. Obwohl alle Betten in meinem Blickfeld belegt sind, herrscht fast Stille. Ein Patient scheint Besuch zu haben, denn an seinem Bett stehen einige Menschen in privater Kleidung. Leise tuschelnd plätschert ihre Unterhaltung dahin. Ich überlege, was ihm passiert sein könnte und ob er bei den Schüssen verletzt wurde, oder gar umkam. Was immer geschehen sein mag – Deméch scheint auf ihn wütend zu sein und damit wohl auch nun auf mich.

Nach einer Stunde steht endlich der Arzt vor mir. „Gute Operation“ verspricht er und wagt ein leises Lächeln. „Was hat Deméch gesagt?“, frage ich zögerlich. „Dich gut behandeln“, meint er und zwinkert mir zu. Dann ruft er laut durch den Raum und eine gebeugte Frau in einem weissen Kittelkleid huscht heran. Ihrem Wortwechsel kann ich nicht folgen, nur „deutsch“ höre ich mehrfach heraus. Sie holt einen Stuhl heran und setzt sich verlegen zu mir. „Ich komme auch aus Deutschland“, sagt sie dann. „Ich werde mich kümmern, bis Du entlassen werden kannst.“

In den vergangenen Wochen haben wir Freundschaft geschlossen. Sie hat mir nichts von ihm sagen können, aber ich habe viel von der Sprache von ihr gelernt – endlich. Ich kann mich ein wenig mit der Frau im Nachbarbett unterhalten, der nach einer schweren Schussverletzung nun ein Bein fehlt. Nicht nur in der Bergstadt wird geschossen, lerne ich da. Einmal hat Madusch mich besucht und mir einige meiner Sachen gebracht. Wo er ist, habe ich gefragt, aber da hat sie nur den Kopf geschüttelt und erklärt, dass mich Deméch bald besuchen werde. Darauf warte ich nun schon seit einer Woche. Sie verliess mich nach meiner Frage ganz plötzlich. Was in der Stadt vorgefallen ist, weiss ich noch immer nicht.

Mein Bein heilt schnell und nach sechs Wochen bekomme ich schon einen Gehgips. Nun husche ich durch die Zimmer und versuche so viel wie möglich, mit den Menschen zu sprechen. Es gibt eine Kinderstation – da bin ich gern. Sie reagieren nicht so abweisend auf mich als Fremde und erzählen mir gern von daheim. So viel habe ich bei ihm nie über das Land gelernt. Ich erzähle Geschichten – keine aus Deutschland, davon verstünden sie nichts. Aber die „Mondtaxi-Märchen“ hören sie gern. Bald bin ich bekannt, als ehemalige Mondtaxi-Fahrerin und werde umringt, sobald ich die Station betrete. Die Kinder haben keine Ängste vor mir.

Telà wächst mir mit der Zeit besonders an’s Herz. Ihr fehlt eine Hand, doch weigert sie sich zu erzählen, wie das passierte. Von dem Arzt weiss ich, dass ihr Vater diese in den Mähdrescher klemmte, als sie lieber spielen, als arbeiten wollte. Manchmal sind wir im Hof und einmal male ich Käsekästchen auf und zeige ihr, wie man sie springt. Das geht auf einem Bein und mit nur einer Hand wunderbar. Sie lernt Brocken von Deutsch von mir – leider auch, wie man flucht.

Es ist die elfte Woche im Krankenhaus. Deméch ist plötzlich da und findet mich lachend mit Telà im Hof. Er schickt sie fort, dann zieht er mich unter einen Quadbaum und will mit mir reden. Wo er ist, will ich endlich wissen. „Er ist tot“, sagt er da und schaut grimmig in meine Augen. „Mehr musst Du nicht wissen, geh heim in Dein Land, sobald Du nur kannst.“ „Das wusste ich doch“, will ich mir einreden und „Konat“ hallt es wieder und wieder in meinem Kopf. Ich suche Tränen und finde keine. Wie soll man bei Deméch auch weinen?

 

Eine Botschaft im Jemen

 


Die zwölfte Woche zieht vorüber mit wirren Gedanken. Soll ich gehen, oder bleiben. Soll ich die Spuren suchen von ihm und dem, was mich einst hielt. "Du gehörst doch hierher", hatte er damals zu mir gesagt, doch gehörte ich doch immer nur zu ihm. Wir beide wußten das, solange sich nicht die Fremdheit zwischen uns stellte. Ich verbringe die Zeit, oder es verrinnen die Tage. Ich spreche mit dem Arzt, der mir nicht raten will. Ich spiele mit Telá und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ich grabe Erinnerungen aus und vergrabe sie wieder. Ich sammele Bilder und vergesse Eindrücke.

Bei seinem letzten Besuch hat mir Deméch meine restlichen Sachen gebracht. Auf die Frage nach den Dingen von ihm schüttelte er nur stumm den Kopf. Nichts soll ich wissen und nichts soll mich halten. Meine Erregung darüber nahm er zum Anlaß, zu gehen. "Was ist mit Talibah?" rief ich ihm nach. "Will sie mich nicht einmal mehr sehen?" Er zuckte nur mit den Schultern und schloß lautlos die Tür zum Schlafsaal. Ich werde die Kinder nicht wiedersehen, wußte ich da.

In der zwölften Woche ist es so weit. "Du nicht länger bleiben können" murmelt der Arzt verschämt eines morgens. Ich bin überrascht, obwohl das Bein mir seit langem kaum noch Beschwerden bereitet. Die Frage nach dem Wohin ist nun unausweichlich geworden, doch auch jetzt noch brauche ich nicht selbst meinen Weg zu suchen. Die deutschsprachige Schwester hilft mir beim packen. Der Abschied ist stumm, doch weinen wir beide. Dann fährt der Arzt mich in einem klapprigen Fiat zur Deutschen Botschaft in Shibam. Die Fahrt verläuft wortlos und noch weiss ich nicht, wohin sie mich letztendlich führt. Bestimmungslos scheint mein Sein ohne ihn. Wie kann ich ihn suchen, oder vielmehr, was könnte ich finden an seinem Grab? So treiben uns Stunden davon in der staubigen Landschaft. Kargheit und Berge bestimmen das Bild. Andere Reisende scheint es nicht zu geben auf diesem Weg.

Shibam überrascht mich schon aus der Ferne. Die hohen Lehmgebäude, die höchsten, die ich in Jemen erblicke, fesseln mich schon von Ferne. In der Stadt herrscht reges Treiben und wir kommen kaum noch voran. So habe ich Gelegenheit, die ungewohnte Umgebung in mich aufzunehmen. Auf den Straßen rumpeln alte und neue Autos, Esel-Karren und Handwagen durcheinander. Dazwischen und auf den Wegen und Plätzen drängen sich Menschen. Überall sind Stände aufgebaut mit warmen und kalten Gerichten, Obst und Gewürzen, Kaffee- und Tabakangeboten. Die Stadt strahlt dabei ungewohnten Reichtum aus - selbst die Holztüren sind verschwenderisch verziert. Auf einem größeren Platz halten wir unvermittelt an. Der Arzt deutet auf ein rötliches Gebäude, das ein wenig zurück liegt. Dann springt er aus dem Wagen, zerrt meine Sachen aus dem Fond und scheint es plötzlich sehr eilig zu haben. "Adieu" tönt es ungelenk von seinen Lippen. Dann scheppert die Tür seines Fiats, der Motor heult auf und der Wagen schiebt sich zurück in das Wirrwarr der Straße. So sind die Abschiede Jemens.

Beladen mit meinen Bündeln dränge ich mich ungeschickt durch die Menge auf das geöffnete Tor zu. Ein Kind zupft an meinem Rock und hält mir ein paar Kiwis hin. Ich schüttele stumm den Kopf, da huscht es weiter. Noch ein paar Schritte und ich bin da. Fast schüchtern trete ich in den kühlen Eingangsbereich. Dämmerlicht fängt mich ein und lässt mich den Raum nur schemenhaft ahnen. Weiter vorn ist ein hölzerner Tresen aufgebaut, dahinter sitzt eine Gestalt, die in eine Zeitung vertieft zu sein scheint. Als meine Füße auf dem Lehmboden tappen, schaut sie auf. "Kann ich helfen?" Perplex bleibe ich stehen und mir fällt keine Antwort ein. Was will ich denn hier?

Der Botschaftsangestellte ist jung und sehr blond. Fast unbewußt muss ich deswegen lächeln und ich trete dann schüchtern näher. Umständlich lege ich Bündel um Bündel ab, um Zeit zu gewinnen. "Ich bin hier, nun weiss ich nicht weiter." Mehr fällt mir nicht ein. Er winkt mich hinter die Barriere, schiebt mir einen Stuhl zurecht und holt Kaffee und schwarzes Gebäck. Dann muss ich erzählen. Ich versuche zu ordnen, doch verwirre ich immer wieder die Zeiten. Von ihm erzähle ich viel und von Deutschland, wie er damals dort war, als wäre es wichtig. Ich erzähle von Madusch und den Kindern. Ich beschreibe die Berge, die staubigen Wege. Ich erkläre ihm manches in der Sprache, die sie mich lehrten. Nun fällt auch mir auf, wie oft deutsche Entsprechungen fehlen. Manchmal fällt mir nichts ein, dann wieder sprudeln die Bilder. Plötzlich frage ich nach den Mauern von Jemen, da schüttelt der Blonde den Kopf. "Jemen hat so viele Gesichter", meint er.

 

Wege

 


Ich bin in dem kleinen Hotel untergekommen. Das Zimmer hatte nur ein Fenster, wie ich es kannte. Einsam fühle ich mich, doch ohne ihn doch war es mein Bett. Drunten aus der Bar schwoll die Musik – Zsarka, wie er es nannte, noch war es kein Tanz. Wir hätten die Sterne gezählt, wäre er da gewesen, dachte ich manchmal. Doch zu sehr war ich schon sein Fehlen gewohnt; also zählte ich Märsche.

Die Wärme fing mich wieder ein und umhüllte mein Kissen. Tränen bahnten sich ihren Weg und ich verhöhnte ihr Sein. Wie schmerzvoll, ohne ihn und wie stimmig – ich wieder bei mir und fern von diesem Land, dass mich nicht liebte.
Spät in der Nacht trat ich an’s Fenster und betrachtete die Hänge – das war meine Heimat, und war doch ohne ihn trostlos. Wo sein Grab war, wollte ich wissen, um diesen Ort fliehen zu können. Dann frass mich die Einsamkeit und blieb schroff. Wie weiter, fragte ich mich und in Stummheit gehüllt fasste ich mich gen morgen. Einst waren wir und jetzt blieb nur noch ich in der Fremde, nicht wissend, ob es Heimat noch gab.

Es war elf, als ich mich wieder in der Botschaft einfand. „Du bist spät“ murrte der Mann und ich zuckte die Schultern: „Ich bin immer ein Teil dieser Zeit“, erwiderte ich tonlos und schloss kurz die Augen. „Reise mit der Maschine am Mittag“, sagte er da und liess mich fragend stehen. Ein Fax ging ein und teilte wohl wichtiges mit. Da stand ich also, meine Reisemöglichkeit in greifbarer Nähe doch ohne das Ziel, wo es endet. Ich schnürte Bündel, wie ich es kannte. Am Abflughafen erntete ich keine fragenden Blicke, erst bei der Ankunft schürte sich diese Aufmerksamkeit. Die Fremde im Fremden, das werde ich bleiben und ohne ihn nirgendwo hin gehörend. Still erklomm ich die Stufen einer Treppe und erreichte den Ausgang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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