Gesplittertes

 

Seinsein: Es schien, als nahte der Ort sich, nicht als näherte ich mich selbst dem Flecken; und doch tat ich Schritte: Wie träumen, und es tränte Dein Gesicht vor mir im Schatten, verwischte, während ich näher schritt. Ich rettete mich in den Nebel, wie einst Du, als Du abgestürzt wurdest.

Lange war nichts zur Verfügung und schon gar nichts im Kopf; dann plötzlich auf dem Papier: Wenn Vergessen wichtig wird, fließt Tinte, und Nerven zermüdend schufte ich Zeile um Zeile schwarz. So erklärte ich es mir, während Dein Gesicht nun fast nicht mehr auszumachen war im Nebelschatten. Schattennebel beschwor ich es anders, blieb nicht stehen und nahte mich, während Dein Gesicht wich, konturlos wurde und Tränen wie Gischt... aber es mag verrinnert sein, nur gemalt mit Strichen. Aufgeschrieben bleibt dann wieder lange Zeit nichts zur Verfügung.

Sein: Hinterfragend bin ich stehengeblieben, trinkend, liebe um mich herum ins Nichts und an guten Tagen in Nebel hinein; Lippen und Hände. Hier drinnen, wie da draußen und später dann Wiederholung. Ich kenne Zungenfieber, kann es benennen, nicht aussprechen und spüre noch immer die Bisse; großartig! Stückchenweise herausgerissen - und heute nichts Greifbares, keinen Boden zum Schreiten und kein Nichtboden, zu stürzen. Südwindiges Luftholen löste Herzverkehr ab; Pochen.

 

 

 

JM (Fragment)

 

Es sei nur eine Frage des Schauens, schien er mir stets zu betonen. Und ich riss die Augen auf und blickte um mich herum, um ihm von meinem Sehen erzählen zu können. Natürlich hing schon der Gilb in den Ecken, doch ich hielt ihn damals für ein Teilspektrum des Lichts und brach Buntes in seine Ränder. Oktavenklänge sind selten harmonisch und tragen doch ihre eigene Schönheit in sich, versuchte ich zu erklären. Kopfschütteln gehörte den Anderen. Sie denken, erleben und leben um sich herum und bleiben hinter den Scheiben; oder stand nur ich dahinter?

„Was ist dahinter und was davor“, hätte ich ihn fragen sollen, um Perspektive zu erfahren; oder vielleicht hätte ich ihn nach den Flächen fragen sollen, um von ihm zu lernen, meine Haut besser zu definieren? Abgestreiftes hätte er vielleicht zum Gegenteil der Schutzlosigkeit erklärt, und auch hier glaube ich wieder nur, ohne zu wissen, denn ich fragte ihn nie. Stattdessen schälte ich meine Häute, erst zögerlich, und dann, süchtig geworden, immer zügelloser vor ihm in Fetzen, auf dass mein Drinnen seinem Außen ähnlicher würde. Er war wohl belustigt, aber es befremdete ihn nie. Und sein allmähliches Weichen erschien mir eher ein Werden im Durchscheinen zu sein, denn einem Weg unterworfen.

Ich habe vieles vergehen lassen seitdem: Farbsonanz verlor sich in Ungefragtheiten. Nächtens breite ich im Dunkelbunt die Wimpern aus, als taugten sie dazu, sein Traumfänger zu sein. Abschied gelang nie..

 

Hunger

 

Es ist ein wenig, wie Hunger haben, wenn man in Deinen Armen liegt, denk ich. Dann sag ich es laut und Du lachst: „Beiß ruhig zu, ich halte das aus“ sagst Du. Aber aushalten sollst Du ja nichts, denke ich und dann erwidere ich: „Das Beste, das spart man sich auf“. Du entspannst und Deine Augen irren zum Waldrand. „Ob wirklich immer Schnee auf den hohen Bergen liegen wird?“, fragst Du mich und ich schüttele den Kopf und sage „ja – immer und ewig“. Vielleicht, flüstert es in mir, ist grad immer und ewig fängt gar nicht erst an?

Morgens, wenn Du aufstehst, erklärst Du mir Licht und ich zeige Dir, wo noch Nachtschatten hängt. Dann angeln wir, und wann immer eine Wolke anbeißt und sich über den Himmel ziehen lässt, wickle ich Äpfel in Zimtsauce, um sie zu braten. Das nennst Du dann unvermeidlich und ich erkenne ein wenig Himmel auf Deinen Lippen. „Wenn es Liebe wäre“, hast Du mal gesagt und ich unterbrach Dich im gleichen Moment, „es fühlt sich lila an!“. Damals zuckte Deine Augenbraue windwärts und die Stirnlocke schob sich ihr entgegen. „Ich glaube, lila ist schön“ war Deine Antwort. Seitdem schweigen wir viel häufiger.

Heute – ist ein guter Moment, zu verdrängen, dass gestern Blätter zu Boden fielen, wie alte Gesichter sich krausen. Dann packe ich die Erde, wie Deine Hand und schütte ein paar Samentränen auf sie. „Es ist gut“, flüstere ich, „Dich gekannt zu haben“.

 

 

Herzhunger

 

Als ich ihm endlich eingestand, dass er mein Dämmerlichtmann ist, haben wir lange gelacht. Ich bin immer noch froh, dass er nicht nach dem Warum fragte, weil die Antwort darauf weiß ich selber ja nicht. Das war einfach immer so, als hätte er im Supermarkt gestanden mit dem Schild auf der Stirn "Dämmerlichtmann" und ich hätte beim Lesen des Schildes bemerkt, wie sehr ich so etwas brauch und ihn in den Einkaufswagen geschoben. Was ein Dämmerlichtmann ist, das weiß er aber ebenso gut, wie ich. Da mussten wir nicht einmal drüber sprechen.

Wenn wir sprechen, erzählt er manchmal von einer Kleinigkeit, die ihm am Tag aufgefallen ist. Das können Käferfress-Spuren auf einem gezackten Eichenblatt sein, oder das Hupfen einer Taube, der ein Fuß fehlt, oder eine Kreideschrift auf dem Bürgersteig. Wir gucken uns das dann gemeinsam noch mal in Ruhe an und horchen und schnüffeln und blinzeln auch mal gegen die Sonne dabei und dann sind wir quasi nochmal da. Es kommt vor, dass ich ihm was zeig, das er übersehen hat und dann muss er darüber genauso lachen wie ich.

Manchmal müssen wir uns anschreien, damit der andere es hört, weil die Musik grad so laut ist. Da kommen wir dann aber eher mit weniger Worten aus. Musik macht oft auch, dass wir kurz in unterschiedlichen Welten rumlaufen oder einer im Garten und einer am Meer. Das ist in dem Moment weiter weg, als Kilometer zählen können. Zum Glück weiß ich, dass er das ebenso schätzt wie ich.

Ich war neulich nicht erstaunt, wie wütend er auf mich sein kann. Das war wie das Fetzen einer gefällten hohen Kiefer in einem übervollem Wald. Und das Thema Wald und Nadeln, das passt einfach bei ihm, weil er auch immer ein wenig harzig-herb daherkommen mag. Mir lässt er das Kindische durchgehen, auch wenn es ihn manchmal nervt. Und seit ich das gemerkt habe, guck ich mir selbst viel seltener von außen zu, um zu überwachen, wie ich so agiere und ob das ok geht.
Als ich ihm erzählt habe, dass der Zirkus Roncalli grad sein Zelt auf der großen Wiese aufgebaut hat, wusste ich schon, dass ich ihm danach meinen Kopffilm der Erinnerungen aus Kindertagen dazu zeigen darf. Und als ich neulich mal weinend zur Tür rein kam, wusste ich, dass er zum Trost mit mir schlafen würde.

Ich bin nicht sicher, ob er weiß, dass ich im letzten Sommer ein paar der von ihm hinterlassenen Hautfetzen von einem Rosenstrauch rettete. Sicher bin ich mir aber, dass er mir verzeihen würde, diese aufgehoben zu haben - was sollte besser den Herzhunger stillen?



.Vorabend

 

„Draußen ist immer woanders“, meint sie und senkt den Blick auf die Hände, die Erbsen pahlen. Heute erscheint sie mir matt und ich würde gern ihre Gedanken auf früher lenken, als sie in solchen Momenten noch lachte. Wie ich so hinschaue, fällt mir zum ersten Mal der Kniff unter ihrer Nase auf, der die Oberlippe strichhafter erscheinen lässt. „Vielleicht sollte man Hirschhornknöpfe auf Deinen neuen Rock nähen“, sage ich da und hoffe noch immer, dass sie einmal lacht. „Du hast wieder nichts als die Mode im Kopf“, hätte sie früher erwidert. Das hätte mich dann umgehauen; herrje, wann jemals bitteschön waren Knöpfe aus Hirschhorn in Mode? Ich sag es nicht laut, weiß aber, dass mir blass um die Nase wird. Später brodeln die Schinkenknochen im Topf vor sich hin und am Deckelrand sammelt sich grauer Schaum. Ich freu mich trotzdem auf unser Essen und forme kleine Klöße aus Gries. Als das Telefon klingelt, bin ich genervt. Wie immer wird sie nicht abheben und bis ich die Hände gewaschen habe, ist längst der AB angesprungen. Anrufbeantworter echot es erklärend für sie in meinem Kopf, als hätte sie gefragt; aber solang ich nichts ausspreche, fragt sie nicht – ein paar Jahre früher, da hätte sie fragen müssen, als ich noch laut war. Jetzt halte ich den Mund, nehme Muskat aus dem Schrank und warte die Ansage ab. Vielleicht ist das ein wichtiger Anruf?

Ich kann endlich malen kommen, sagt Christoph dem Band, da doch die Wände jetzt verputzt seien. Dann piept es noch einmal laut und wir sind wieder allein. Wie soll man Zeit finden, ein Bild an die Wand zu skizzieren, wenn sie doch nicht allein bleiben kann, grollt mir mein Bauch. Indem man sie mitnimmt, sagt da mein Kopf. Mein Mund sagt: „Gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen“, doch statt des üblichen Lachens zuckt ihr linker Mundwinkel. „Selbst, wenn wir gefragt hätten…“ – und nach einer Pause: „Wir bleiben besser allein, zumindest heute noch,“ Wie gestern schon und die Tage davor, sage ich in Gedanken. „Wollen wir…“ und dann fällt mir nichts ein. „Du“, sag ich dann platt: „Ich habe die Kamera verschenkt“. Sie nickt, als wollte sie sagen, sie hätte gewusst, dass es so und nicht anders käme. Aber stattdessen sagt sie; “Die Knöpfe binden wir lieber in ein Tuch und nageln sie an einen Baum. Vielleicht freut es den Platzhirsch?“ und dann lacht sie. Da weiß ich, dass sie nur langsam geworden ist, aber der Humor dennoch noch stimmt. Weil das so ist, kann ich sie nach dem Löffeln der Suppe einhaken und mit zu Christoph nehmen.

Das Bild malte ich also doch noch fertig an dem Abend und was ich lernte, war hoffen.

Vielleicht dauert es nicht mehr lang, habe ich mir an diesem Tag gesagt. Aber ich rechne mit Minuten, als wären es Jahre. Und wenn man das kann, dann ist gar nichts mehr schlimm – unter der Haut. „Wenn einer mal meinen Kopf kaufen will, braucht er nur einen Penny“, sagte ich später zu ihr. Erst nach Stunden lachte sie einschlafend: „Ich würde den Kopf brauchen, um Suppe zu kochen“. Sie verpasst keine Gelegenheit, mich zu foppen, grinste es mir nach in den Traum. Morgen ist Sonntag.

 

 

beim Schreiben

 

... und ich stehe und schaue auf den Wuchs Deiner Buchstaben, die sich krümmen und fliehen, die fliegen und drehen, die sich manchmal verräterisch winden und andernfalls einfach nur sind. Dann hole ich Luft:

"Jenseits der Strasse…", sage ich Dir und Du nickst und schaust dennoch nicht hoch, folgst gedankenverloren Deiner Hand mit dem Stift, die noch treibt, kurz stockt um noch verräterischer vorwärts zu zucken. "Manchmal jenseits der Strasse glimmt es gelb", sag ich lauter als nötig. "Löwenzahn" kritzelt die Hand und Du runzelst die Stirn und fragst laut: "gelb"?

Ich werd es Dir aufmalen, denk ich da - dann, wenn Du Zeit hast. Noch einmal durchatmen, mahne ich mich, Dir den Wein auffüllen, der eine rote Tropfenform auf Dein Kinn bereits malte; dann folge ich nicht mehr der Hand, sondern der Locke, die sich zwischen Deine Brauen flüchtet, als böten sie Schutz vor Deinen Gedanken. "Nicht einfach" nick ich der Locke zu, „aber das wird schon.“

„Mondlichtanemonen“ murmelst Du und die Hand vollführt einen hektischen Langzug, die Locke hüpft und Dein Mund lächelt dem Weinglas durstig zu. Mondlichtanemonen, klingt es in mir nach: Es ist ein wenig Verlegenheit in seinem Erröten, als die Sonne entgleitet, als trübte ihn Schuld. Letztendlich macht sich stets abends irgendwann Dunkelheit breit und verschluckt sich am Nachtschatten, als wäre es Qualm. Manchmal schwingen sie sich dann, aufwärts vom Horizont in das verloschene Beschämen dieses Himmels als Lichtwuchs hinauf. „Mondlichtanemonen“ flüstere ich Dir zu und Du lachst und sagst mir, dass Du über sie längst geschrieben hast. Wir schauen sie an und Du musst nicht erzählen, denn Wortgestöber flutet uns Zeit.

Später wirst Du den Arm um mich legen und mir von der Zeit erzählen, die Dir nicht tickte und ich werde ´“Puck“ sagen und wissen, dass auch Du dann an Seifenblasen denkst.

 

Du hast nach Farben gefragt und ich habe nunmehr zwei Tage lang bunt gedacht… Es fiel mir nicht schwer und doch unendlich schwerer, Worte zu finden, die Farben zu bannen vermögen. Gib mir Zeit, dann kann ich erzählen. Lege ruhig Deinen Kopf auf meine Schulter, lehne Dich an, versprich Dich dem Hören und ich sage es dann vielleicht bunt?

Die erste Farbe ist grün! Sie muss ja grün sein, denn sie ist satt und klar und schön. Es ist ein wenig Irland in ihr vermischt, ein wenig Regen – natürlich; denn sonst wären die Wiesen und Bäume nicht satt. Manchmal erscheint dies Grün so, als spülte Gischt Dich fort und Du atmetest Wasser – aber Du bleibst sicher; sicher bei Dir, bei mir und uns. Du kannst lachen und grün rinnt Dir über die Wangen und ein wenig Traurigkeit ist hineingemischt. Solche Traurigkeit, wie sie tragen kann von hier nach dort und wie sie nicht weinen lässt, aber atmen; tiefer atmen und nachspüren, wie es sich atmet in dieser Brust. Da spürst Du, dass es Deine ist, die da Luft holt und sich verträumt im Grün… Es ist ein wenig wie Runrigs Scotland*s Glory und Du weißt nicht, was da weint; nur dass es gut ist, diesen Tränen zu folgen.

Erinnere mich daran, Dir das Lied zu schicken, denn manchmal, da bin ich so verspielt, wie das Orange im Morgen. Wir staunen, wenn die ersten Wolken sich färben vom Grau in dies Rot, das Orange nur scheint, aber wechselhaft ist. Wir stehen da und wir blicken weit. Es wäre ein neuer Tag, wären die Schatten des alten nicht da. Dann schaue ich Dich an mit diesem Lachen, dass Dir sagt: Weiter! Es ergreift Besitz von mir und dann auch von Dir. Du schaust den Tag und Du weißt, dass es keinen vor diesem gab. Dieser eine, der sich flammend am Horizont bricht, weil er will. Unser Tag, denkst Du. Und dass er pocht, das spürst Du und wie es zuckt, weil Du orange sein willst. Heute! Sonnenaufgang – einfach neu, nur für uns. Ich sehe Dich an und ich spüre, wie sehr ich mich freue, dass Du bist. Du und mir.

Vielleicht wird es stiller – hellblau? Die Sonne wird sanft, da sie uns sieht, an dieser Küste. Das Land bahnt sich noch satt und grün in das Sein Deiner Gedanken, aber hellblau erzwingt sich ruhebahnend der Himmel sein Licht. Ein sanfter Moment. Vielleicht erzähle ich dann Dir vom Heimkommen und vom Sein? Du zu mir und ich, wie ich den Kopf an Deine Schulter lehne?

Es wäre lila, wären wir bei uns alleine; aber jeder beim anderen, da ist es hellblau und ich streiche sanft eine windverwehte Strähne Dir aus Deiner Stirn und flüstere: Nur hellblau – niemals mehr schlimm. Dass lila sich schwarz einst versprach, das verschweigen wir uns und schauen den Himmel und dieses entschwindende Licht. Und in diesem so verletzlichem Moment, da spürst Du, wie sehr ich Dich liebe.

Und dann? Dann lachen wir einmal befreit und wir gehen zum rosa im gelb und tanzen die Zeiten uns zahm – Du nennst Deine klärlich und ich erzähle vom Sprühen der bunten Raketen. Dann weißt Du, das Jahr brach uns an. Jackson für Dich auf einem stillen weißen Blatt, weil ich die Formen nicht kann, sondern doch bloß nur die Farben – Konturen malst Du uns dazu.

 

 

Von Schaukeln und Hunden

 

Der Morgen versprach einen Klatschmohnhimmel für den Abend, aber Regen zog tagsüber auf. Nun schwimmt der Lehmboden in der Dämmerung. Die Äste der Bäume spiegeln sich trüb in den Flächen. Schattenspielereien necken die Augen. Traumideen tauchen den Geist zwischen Schauern und Lachen. Doch ich denke verwegen an Brot. Krustenformen brechen vor mir auf und geben ihr Inneres preis. Es formt sich langsam eine neue Welt.

Am Wegesrand winselt ein Hund, angebunden an ein rostiges Klettergerüst. Verstört schaue ich auf, blicke um mich. Nachtverlassenheit keucht mich an, durchbrochen vom wärmenden Hecheln des Tieres. Meine Hand streckt sich aus Richtung Schlund und ich denke an Rom – schwingt Wahrheit in diesem Novembergrau? Es knackt in den Zweigen, als der Wind sich herrisch erhebt. Wasserschwer treibt die Luft Kälte in meine Jacke. Den Hund treibt sie auch - mir zwischen die Beine. Im einsamen Pakt greifen meine Finger sein Ohr und dann nach dem Halsband. Ganz kurz zuckt er im Licht eines Blitzes, dann straucheln wir fort durch die Pfützen. Gassenmusikalisch ist das Donnergrollen, das folgt, fällt mir auf.

Im Bus dünstet die Nässe über den Köpfen der Menschen, auch über meinem. Der Hund winselt wieder und kratzt krallend den Boden. Vereinzelte Blicke streifen über meine Augen und halten sich nicht. Es ist schon zu spät, als mir die Erklärung einfällt für das, was mich der Sekundenalltag fragte. Ich bin dennoch jetzt nicht traurig, denn das Rot einer Ampel nimmt mich gefangen. Die Stadt kann auch sanft sein, will es mir so wohl sagen. Mit abgestandenen Mittagsgerüchen empfängt uns der Hausflur, Bratensaft, der sich durch Türritzen zwängt. Kindheitsschwanger wäre er mir heute lieber, aber nicht marschplangerecht. So steigen wir Stufen - nur zwei allerdings. Dann zieht sich reumütig der Hundskopf aus dem Halsband. Ein Mondfaden streift erinnerungsschwer den fliehenden Körper im Hof. Er blieb nur, so lange er wollte, weiß ich da und ringe um Freiheitsgedanken.

Ein letzter Absatz trennt mich noch von der Tür. Hier endet die Reise mit offenen Fragen. Angekommen knirscht der Schlüssel im Schloss und schreit Deinen Namen. Sorgsam rollt sich der Gilb aus den Ecken, um mich zu begrüßen. Zumindest der fühlt sich heimisch, spukt es in meinem Kopf, während die Hand aus dem Kühlschrank ein Bier angelt. Vergessenheit wächst.

 

 

Blau

 

„Seinen Gedanken sollte man niemals freien Lauf lassen“, sagt der Mann mit den runden Brillengläsern zu mir. Ich schüttle erst den Kopf, dann nicke ich: „Dann schweigen wir eben“, aber dafür wird er nicht bezahlt und so bohrt sich sein irrer Blick weiter in meine Welt und ich weiß grad nicht, wer von uns beiden nun verrückt ist. „Wenn Du an Schnee denkst, welche Farbe siehst Du vor Dir?“ fragt er und das unvermeidliche Band rattert in mir an: Sag ich weiß, dann ist das in seinen Augen vielleicht ein Zeichen, dass ich ihm etwas vormache, und sag ich gelb, weil im Schnee das Hundepipi immer so hässliche Streifen hinterlässt, dann hab ich vielleicht eine schmutzige Phantasie und wenn ich grau sag, so wie sich Schnee in der Stadt färbt, dann findet er das depressiv. „Blau“ sag ich da und würde es gleich gern wieder zurück nehmen, weil sich seine Brauen verziehen. „Blau“ fragt er blöd nach und ich ärger mich über mich selbst und über ihn und über meine verqueren Gedanken. Die schweifen aber einfach weiter und lassen mich Adler in den blauen Schnee wedeln und es ist schon lange zu spät, als ich merk, dass ich lach. „Ich glaube, es reicht für heute“, meint er, als ich endlich wieder den Mund halte und scheinbar ganz bei mir bin. Dann klingelt er und Walt kommt und legt mir seinen breiten Arm um die Schulter, zieht mich mit sich und bringt mich dahin, wo es still ist; dahin, wo ich mich erinnern kann:

„Da ist das Licht“, sag ich zu Dir und Du hebst zögernd den Kopf mit geschlossenen Augen; nur zaghaft heben sich Deine Nasenflügel, als Du die Luft einsaugst, als böte sie Helligkeit an. Dann aber wieder sinkst Du in Dir zusammen. „Da ist nichts“, zucken Deine Lider mir zu und das reicht, dass auch mein Mut mich verlässt. „Wozu auch“, denk ich stumpf und vergesse ganz kurz nur zu atmen; dann ringt meine Lunge in das Schweigen und Husten quillt in die Bronchien und will – „was denn?“, pocht mein Herz.

Es wird eine lange Litanei, als ich anfange von Wiesen zu reden und davon erzähle, wie Waldboden riecht, wie Sand rieselt und Wasser rinnt; dass Steine auch tanzen können, wenn man den richtigen Winkel trifft, fällt mir ein und dass Holz nur brennt, wenn es trocken ist; vielleicht braucht Liebe feuchte Erde oder eben doch dürres Stroh, wobei letzteres Quatsch ist, weil Strohfeuer niemals Liebe bedeuten, erzähle ich Dir. Und vom Regen erzähl ich und dass ein Taifun manchmal welchen mitbringt und manchmal auch trocken ist – genauso wie es traurige Clowns gibt und solche, die über ihren eigenen Unsinn lachen können. Da endlich unterbricht mich ein raues Seufzen von Dir. „Tauwasser im Sommer“, sag ich noch schnell und hoffe, dass Dir ein Regenbogenbild wächst. Aber wahrscheinlich warst Du schon lange fort, als mir einfiel, dass Herbsttöne in diesem Moment stimmiger gewesen wären.

Vielleicht wäre es so gewesen, red ich mir manchmal ein, wenn Entfernung nicht so weit sein könnte. Und dann denk ich an morgen und dass ich nie wieder „Blau“ in einer Frage nach Schnee erwidern werde, dass ich überhaupt viel mehr schweigen will, wenn Du nicht zuhörst. Vielleicht schlaf ich dann ein, aber weiß man, ob man schläft, wenn man träumt?

 

 

Mein Immer

 

Ich stehe am Fenster und stelle mir vor, dass da ganz weit hinten irgendwo in dem Lichtermeer der Stadt auch ihr Fenster zu sehen ist; und darin eine Kerze und ihr Gesicht wie sie schaut und an mich denkt. Da war ich ganz klein, als ich mir das vorstellte.

Man muss älter werden, um zu kapieren, dass sie damals grad ganz viel anderes um die Ohren hatte, als an mich zu denken. Ich weiß das jetzt und lächel ein wenig über mich da als Kind. Was ich aber auch weiß und was ich mir als Besonders bewahre ist das Wissen, wie es sich anfühlte, wie dieser Zauber in einem drin war, zu spüren, wie sie grad an mich denkt.

Ich sammel für mein Immer.

Ich habe schon für mein Immer gesammelt, als ich noch gar nicht wusste, dass ich mal ein Immer bauen würde. Das kam einfach so. Ich fing an zu bauen, weil es grad richtig schien, zu sammeln und aufzuschichten, und dann sah ich das an, was ich da gebaut hatte, und es meinte, es wolle ein Immer werden. Ich habe es daraufhin feierlich getauft und vermutlich dabei auch zu viel getrunken und seitdem mag es sein, dass das Immer ein wenig schief ist. Aber es ist da; stolz schaut es aus, wie Ruinen eben so stolz in der Landschaft stehen und behaupten, sie wären noch lange nicht kaputt, während der werte Betrachter vielleicht meint, das wären sie bereits vor hundert Jahren gewesen... aber das gehört nicht hierher.

Nun klingt das so, als wüsste ich schon, wie mein Immer ausschaut und wäre durch jede Ecke dieser Behausung gekraucht. Ich glaub aber, ich kenne noch nicht mal den Burggraben gut genug, als dass ich da durchtauchen könnte und so schau ich da selbst öfter mal scheel drauf und find das Ding strange. Neulich hast Du mal einen Blick drauf geworfen und hast gemeint, da könnte man noch was machen. Ich hab da gelacht: "Bist Du neuerdings Arzt, oder was?" Ich war nicht erstaunt, dass Du ungehalten warst, aber verletzt, als Du zur Nacht hin immer noch Deinen Arm nicht ausgebreitet hast. Ich kann nicht schlafen, wenn ich mich nicht so fühle, als läge mein Kopf auf Deiner Brust und Dein Schnarchen knallte direkt in mein Ohr.
Wusstest Du, dass ich nie geschlafen habe, bevor es Dich gab? Und sag nun bitte nicht, das stimme nicht. Jeder weiß, dass das mit dem Lieben so ist: Man hat noch nie was erlebt, bevor man es nicht verliebt erlebt hat! "Das mit dem Lieben ist so ein Quatsch", hab ich Dir neulich erklärt. Du hast mich ausgelacht, ich hab gestampft und gesagt, Du wärst auch nicht besser, als Baumblüten und dann haben wir uns geküsst. Ein bisschen hast Du geschmeckt, wie Motoröl riecht und ich habe mir das nun abgespeichert als "will ich haben". Ich habe noch nie Deine Hemden gebügelt!

Wenn ich Dich das nächste Mal treffe, musst Du mich erinnern, Dich nach Windlichtern zu fragen. Ich will wissen, wann Du zuletzt eines gesehen hast, was Du dabei dachtest und warum Du dort warst, statt bei mir zu sein. Wenn ich Dich das nächste Mal treffe, will ich vergessen haben, wer Du bist und warum Du mir schreibst. Ich will entdecken, wie es ist, zum ersten Mal von Deinen Worten angefasst zu werden. Und dann vielleicht, dann werde ich den Mut haben, Dir zu sagen, dass es mich anfasst, wie Du schreibst.

 

 

Versuche

 

Nur so einer der Versuche wieder – und mein Haar zaust im Wind. Ich stehe auf der letzen Anhöhe und der Atem bleibt aus. Vielleicht wären Haferflocken zum Frühstück nicht so verkehrt gewesen? Nur einer dieser Versuche wieder, beruhige ich mich und klettere weiter.

Drunten klebt Hugo kleine Plastiklaster auf die Tafel und erklärt Vorfahrtsregeln, als wäre es wichtig. Wenn ein Tanklaster denn die Vorfahrt haben will und nach dem Recht sie einfach nicht hat, soll ich in ihn reinrollen, habe ich mal gefragt. Du sollst nur wissen, was richtig ist, hat Hugo mich angefaucht. Es geht nicht um Recht behalten, es geht nur darum, vom Recht zu wissen! Also habe ich Abstand davon genommen, Tanklaster über den Haufen zu fahren und stehe nun hier: Baumbestandslos – es gibt da irgendeinen Fachausdruck für, glaube ich. Egal, jedenfalls presst sich das Unterholz in die Felsspalten und ich press mich auf eben jenes und gebe nicht auf – noch nicht. Warum auch nicht weiterklettern?

Helge, ja eben der Helge Schneider, an den ich jetzt denke, der hat was über Katzenklos verbreitet und wurde ganz groß – mit der Katzenpisse nämlich, oder der Scheiße, die er verzapfte. Jedenfalls kletterte er nicht. Ich verliere wohl allmählich in der Luftarmut den Verstand denke ich und korrigiere mich selbst: Sauerstoff; der fehlt und sonst nichts. Also atmen! Bäume atmen hier nicht und vielleicht wird rein nur darum die Luft dünner? Quatsch, weiß ich doch besser… Hirngespinste, nichts weiter. Die Baumgrenze, haben sie in der Schule gesagt, die liegt wohl bei tausend Metern und das ist weit unten. Sie sind nicht hier, weil das Biobuch sie nicht hier haben möchte – und wieder denk ich, was für ein Quatsch.

Quatsch mit Soße, sagte Granny manchmal, bevor er die Geige rausholte. Dann fiedelte er einen Tango und ich tanzte mit Mum und die Luftgeschütze schossen in die Häuser nebenan – aber das ist lang her; oder war doch ganz anders? Nein, als ich geboren wurde, da spielte er nicht mehr, jedenfalls nicht über der Erde und unter ihr konnte er ja nicht ohne seine Geige. Also spielte er wohl nicht und Luftangriffe gab es damals schon lange nicht mehr. Klettern muss ich – jetzt fällt es mir wieder ein. Nur das kleine Stück noch, bis ich weiter oben bin.

Oben ist da, wo nicht unten ist, sagt Vater. Sein Blick ist manchmal streng und manchmal gleitet er auch weit weg. Dann haste ich hinterher und will fragen, wohin er denn schaut. Aber auf den Boden des Glases komme ich doch besser nicht mit. Dann lieber hoch und ich klettere noch ein paar Felsen. Dann sehe ich Sonne – nur blass vorerst und es bricht sich im Dunst, was wohl strahlen könnte, wäre der Dunst nicht. Aber es bricht sich und fast denke ich, macht es mich blind.

Blinde Liebe, nickte sie damals mir zu, sei was Schlimmes. Wenn man blind liebt, dann gibt man sich auf. Aber ich liebe ja nicht, ich klettere nur und dort vorne ist nur noch ein Fels und wenn ich über den… vielleicht wäre ich oben. Aber oben ist unten erklärte mir einstmals ein Schuh, nein kein Schuh, ein Mensch oder Freund – jedenfalls jemand mit Augen und Ohren? Hier oben hört man nicht viel fällt mir auf und ich horche in mich. Warum klettern, wenn es einfacher geht? Und dann steige ich wieder hinunter.

Vielleicht morgen ein neuer Versuch?

 

 

Helden sind anders

 

Ich bin angekommen. Wenn mir gestern jemand gesagt hätte, dass dieser letzte Schritt der leichteste wäre, ich hätte sarkastisch schmunzelnd genickt. Doch so ist es wohl: Ich kam an.

Den Weg zu kennen, das war nicht wichtig, und auch war die Fährte nicht zu verlieren eher nebensächlich; das Ziel muss man nicht kennen und auch den Glauben zu verlieren, wäre kein Hinderungsgrund. Sich einlassen, auflassen, sich fortlassen und … oder auch nicht. Man kommt einfach an?

Ich erinnere mich: Als ich klein war, da nannte ich die Frau, die über uns wohnte Lala. Wenn ich morgens hoch lief zu ihr, dann lag da die obere Hälfte des geköpften Eies, das sie zum Frühstück aß, für mich bereit. Sie hob es auf. Wenn Eigelb drin war, freute ich mich; war es nur Eiweiß, dann war ich enttäuscht. In der ersten Zeit wähnte ich, dass sie mich nicht so lieb hätte, wenn das Gelbe fehlte. Dass Eier unterschiedlich sind, das lernte ich dann. Und dass Lala stets gerecht köpfte; immer in der gleichen Höhe des Eis, das heute wohl mit Bezeichnung Gewichtsklasse M in den Handel käme.

Später dann besuchten wir Lala im Krankenhaus. Sie lag auf einem Zimmer mit Acht Betten und hatte umwerfend lange Haare. Zwei Zöpfe in grau zogen sich von den Stirnknochen bis hin zum Knie. Zwar waren sie dünn, aber lang und lebendig. Lala selbst schwieg viel und eigentlich weiß ich nicht mehr, ob sie überhaupt etwas sagte. Als ich ein paar Jahre später bei meiner Oma am Krankenhausbett stand, sagte sie, “blast doch noch mal“. Wir hatten Flöte gespielt, mein Bruder und ich und da sie es wollte, da spielten wir wieder. Ich war acht und Oma hatte ein paar Tage zuvor ihr Gebiss verschluckt, so krank war sie da – das ist auch was, was man behält.

Als ich in der zweiten Klasse war, sangen wir morgens immer ein Lied mit weit ausgebreiteten Armen. Musikgrundschule mit sozialpädagogischem Touch nennt man das glaube ich. Den einen morgen kippte eine Klassenkameradin mitten im Singen dann um und schlug mit dem Kopf an die Tischkante; man nennt diese Schwäche Magersucht, versuchten die Lehrer den Eltern zu erklären und dass so was tragisch wäre. Auf dem Friedhof warf ich ihr ein Fimopferd auf den Sarg. Fimo war damals Knete, die man backen und anschließend lackieren konnten und das war das einzige, was uns verband.

Wieder viel später starb Pidi. In den Hamburger Zeitungen erklärten sie, er sei am Steuer zusammen gebrochen auf dem Weg zu seiner damaligen Freundin. Dass Schnüffeln gefährlich ist, erklärten die Artikel breit und in Farbe – nicht aber, warum er nie ankam. Pidi war blond, nannte seinen besten Freund Shipper und träumte wohl niemals vom Zeitfenster, dass er bekam. Ich mochte nie, wenn er mit anderen lachte; nur seine Stille schien mir sehr vertraut. Als er so still dann war, verlor sich diese Basis – das eine Bild habe ich aber noch und finde es wichtig; manchmal anschauen? Manchmal noch, auch wenn es lang her ist, wünsch ich mir, er hätte bewegen können, was er sich erträumte, wenn er still war; und vielleicht auch, dass er angekommen wäre, damals bei mir. Aber älter und klüger wäre ich auch dann nicht gewesen. Manchmal kann man nichts ändern… glaub ich.

Meine Eltern meinten, es sei gut, wenn ich früh eigene Schritte machte und seien sie wohl behütet, so sei das wohl besser. Amerika schien ein gutes Land dazu zu sein und so flog ich mit vierzehn zu Mim und Dick nach New Jersey. Big Apple ums Eck und doch eben noch die idyllische Kleinstadt mit Häusern aus Holz. Mim zeigte Kartentricks aus Las Vegas, wo sie mal arbeitete und Dick kochte Steaks mit Chips. Ich versuchte eine Milchschokolade zu ordern und war ratlos, wie ich Vanilleeis mit Cola runterbringen sollte. Ich trank und überspielte die verklampfte Situation. Mim’s Sohn hatte selbst damals Kinder. Der eine erhängte sich mit fünfzehn auf dem Dachboden, der andere erschoss sich in so einer Kriegsmission, als er siebzehn war und der dritte ertränkte sich im Eis, mit gerade doch einmal zwölf Jahren. Als ihr Dad starb, war ich wohl so dreiundzwanzig? Ihr Dad lag auch im Krankenhaus und ein Schlauch fand sich in meiner Hand, mit der man Schleim absaugen konnte von Lippen und auch wohl aus dem Hals – wenn die Schwester es zeigte. Aufgewacht ist er damals nicht, erzählt hab ich trotzdem. Ich war der Meinung, er dürfte nicht traurig sterben und sehe das heute ganz anders. Warum nicht traurig? Der Tod ist nichts, was man gerne beschreitet.

Ich könnte von meinem Onkel Til erzählen, der sich erhängte, weil sein Kind behindert, seine Ehe eine Farce und seine eigene berufliche Laufbahn am Ende war. Ich war nicht traurig, ich war eher wütend. So was vergeigt man nicht, weil es wichtig wird, wenn es brennt und die Frau ihn gebraucht hätte. Er kam halt auch nicht an.

Ich kam an. Viele andere nicht. Und weil das so ist, trage ich nun Verantwortung? Ich habe gelernt, wie man Hände hält, Abschied nimmt, traurig ist und aber auch bleibt – zurück nämlich. Ankommen, das ist was für Helden und ich wollte nie einer sein.




 

 

 

 

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